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Schaffhausen im Mai 1460


Diese Reise hatte es in sich. Nicht nur, dass ich zwischen Kloster, Arbeiten und wieder Kloster hin und her pendelte, nein, jetzt hatten mich auch noch auch noch schlechte Nachrichten aus ...... nein, das erwähne ich jetzt nicht obendrein.
Auf dem Weg von Rottweil nach Schaffhausen bin ich auf einen üblen Kerl gestoßen. Vertrauensseelig wie ich nun mal bin, hielt ich an und ließ ihn an den Wagen kommen. Wenn ich doch nur auf meine Braune geachtet hätte, ich hätte nicht angehalten. Sie schnaubte und tänzelte im Geschirr als der Kerl näher kam.
Der Kerl hatte mir etwas zu gerufen, was ich aber nicht verstand. Es klang wie französisch. Ich war mir aber nicht sicher.
Dann ging alles sehr schnell. Kaum das dieser Kerl am Bock anlangte, auf dem ich saß, rieß er mich runter und ich landete im Dreck. Dann klopfte er mir eins über die Rübe, dass ich Sterne sah.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich noch, wie er an einem Waldrand mit meinem Proviantbeutel entlang lief. Idiot, dachte ich, wegen einer Kante Brot, haut der mir eins über die Rübe. Ich rappelte mich mit meinem brummenden Schädel hoch, bestieg den Bock und ließ die Braune machen. Schaffhausen war nicht mehr weit.
Vor den Toren fand ich eine Wiese, hielt an, spannte die Braune aus und legte mich auf die Pritsche. Das Wetter war warm und gut und ich schlief beim Gesang der Vögel ein
Mal sehen, welche Überraschungen der Tag noch brachte, wenn ich wieder wach werde, dachte ich noch.
Der Tag brachte keine Überraschungen. Also, sagte ich mir, weiter geht's. Gegen Abend genoss ich ein Bier in einer der Schänken. Diesmal habe ich sie gezählt. Es gab derer zwei. Eigentlich zu viele, denn es genügte eine, um nicht besucht zu werden.
Was mich wirklich bewegte, wenn ich am Abend allein in einer Schänke saß, waren die Gedanken an Helene. Ich war mir schon gewiss, dass sie alles Griff hatte und es recht machte. Aber warum bekam ich keine Nachricht von ihr? Sicher, so eine Botschaft brauchte ihre Zeit. Die Wege sind lang und verschlungen. Musste ich mir Sorgen machen?
Ich war mir unschlüssig. Einerseits hatte ich ein gutes Gefühl mit ihr aber andererseits .... war es ihre Art, sich längere Zeit nicht zu melden?
Darauf konnte ich mir keine Antwort geben. So gut kannte ich sie nun auch wieder nicht.
Ich betete insgeheim, dass mit ihr alles auf dem rechten Wege war.
Ein Gerücht war mir zu Ohren gekommen. Es hieß, dass es mit Simplicius meinem Freund und Schreiberling nicht zum Besten stand. Er solle sich in Schwyz aufhalten, hieß es.
So kam es, dass ich mich entschloss dort hin zu fahren.
...

Zugetragen in Schwyz, 29. Mai 1460

Es war ein wirklicher schöner, warmer und entspannender Vormittag als ich ich mich so langsam Schwyz näherte, meinem nächsten Ziel. Nicht nur das mir Gerüchte zu Ohren gekommen sind, die besagten, dass es meinem Freund und Schreiberling Simplicius nicht gut gehen solle, nein hinzu kam noch, dass ich auf meine Manuskripte, die ich ihm regelmäßig zusandte, samt und sonders keine Antwort erhielt. Was also lag näher einen Abstecher nach Schwyz zu unternehmen.
Bis auf die Misere, die mich auf halben Wege vor Schaffhausen ereilte, verliefen die restlichen Tage bis zu meinem Ziel völlig ereignislos. So hatte ich Zeit und Muße über so manches nachzudenken oder besser gesagt, mich meinen Tagträumen hinzugeben.
Viel kam dabei nicht heraus, sondern ich ermüdete und verfiel diesem unbeschreiblichen Zustand zwischen nicht schlafend und auch nicht wachend.
In den Wachphasen glitt die Landschaft an mir vorüber. Alles war so friedlich, dass ich spürte, wie diese Stimmung auf mich übergriff und ich immer ausgeglichener wurde.
Selbst die dicke Beule, die meinen Hinterkopf zierte, konnte dieser Laune nichts mehr anhaben. Um den Kerl, der mir das angetan hatte, würde ich mich ein andermal kümmern.
Das laute Gezeter einer Amsel vertrieb mir diesen Zustand und ich wurde hellwach.
Die Sonne bereitete sich darauf vor ihren Zenit zu erklimmen, was aber noch einige Zeit dauern würde.
Der Weg wurde breiter und ließ deutlich an den ausgefahrenen Fahrspuren erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg war und Schwyz bald erreichen würde. Ich hatte es kaum zu Ende gedacht als nach einer Biegung die Mauern des Ortes zu erkennen waren.

...
Schwyz, 1. Juni 1460

Seit dieser Misere zwischen Rottweil und Schaffhausen war nicht mehr viel geschehen. Als ich in Schaffhausen mir ein letztes Bier genehmigte, das war zur später Stunde vor zwei Tagen, war ich etwas überrascht, weil sich zu solch später Stunde noch'ne 15.jährige zu mir gesellte.
Nun ja, sei's drum. Wenn man zwei Tage lang niemanden gesehen oder gesprochen hatte, dann ist einem nahezu jede Gesellschaft recht.
Nun bin ich den Gerüchten und meinem Instinkt gefolgt, denn seit langem hatte ich nichts mehr von meinem Freund und Schreiberling Simplicius gehört. Meine Manuskripte, die ich ihm regelmäßig zusandte, blieben samt und sonders unbeantwortet. So was kannte ich nicht von ihm und von daher wollte ich der Sache auf Grund gehen.
Aber wo anfangen? Ich war hier in Schwyz noch nie, bin immer dran vorbei gerauscht. Übrigens, Schwyz ist ein netter anheimelnder Ort, so ich das bis jetzt feststellen konnte.
Jetzt hoffe ich nur und das bei einem kühlen Bier, dass ich auf Einheimische treffe, die ich befragen kann.
Die Einheimischen, die kamen nicht, warum auch immer. 

Die wenigen, die ich traf und mit denen sich ein Gespräch entspann, wussten mir nichts über Simplicius zu berichten. Ein ähnlicher Name sei ihnen zwar zu Ohren gekommen aber mehr auch nicht.
Ich fragte mich allmählich, ob ich mich am richtigen Orte befand. Irgendjemand erwähnte, dass ich mich an eine gewisse Felicitas wenden solle, sie würde den Ort und seine Bewohner sehr gut kennen.
Im örtlichen Gemeindehaus fand ich tatsächlich eine Tür auf dem ein Schildchen mit dem Namen Felicitas Schneider angebracht war. Leider hörte ich auf mein Klopfen kein Herein und einfach den Raum betreten ging auch nicht, weil die Tür verschlossen war.
Das Ganze wurde zunehmend mysteriöser. Simplicius ward im Ort gesehen und dennoch wußte niemand, wo er aufzufinden war.
Mehrmals mühte ich mich noch jene Felicitas zu treffen aber vergebens. Irgendein Knirps, der mich anbettelte gab mir dann den entscheidenden Hinweis. Er habe von einem unheimlichen Haus gehört, zu dem sich niemand hoch traue, das von einer hochgewachsenen Wiese umgeben war und an einen dunklen Wald angrenzte. Als er zu Ende war, bekreuzigte sich der Knirps und lief, mit ein paar Hellern in der Hand, in eine Gasse hinein.
Auch wenn die Ortsbeschreibung, die der Knirps von sich gegeben hatte, nicht präzise war, so war sie dennoch genau das, was ich brauchte, um meinen Freund Simplicius zu finden.
Schwyz liegt zwar inmitten und auf Hügeln aber es wurde reine Fleißarbeit, diese alle aufzusuchen und nicht auf jedem würde sich ein unheimliches Haus inmitten einer Wiese befinden.
Es dauerte einige Tage, bis ich beinahe alle bewohnten Hügel des Ortes kannte. Nur einer war noch übrig. Das Wetter trübte sich ein. Die Sicht wurde schlechter also wartete ich auf einen Tag, an dem die Bedingungen sich umzuschauen besser wurden.
Es war ein heller Sonntagmorgen als ich meine Braune den Weg hinauf auf den letzten Hügel lenkte. Den Fuß des Hügels, es war wohl eher ein kleiner Berg, säumten einige putzige Häuschen. Auf halber Höhe begannen nur noch Wiesen, Büsche und ein paar krumm verwachsene Bäume meinen Weg zu säumen. Die Braune musste sich mächtig stämmen, um Gefährt und mich oben hin zu bringen.
Als wir die Kuppe des Berges, nun sage ich nicht mehr Hügel dazu, erreichten, lag vor meinen Augen, so wie es der Knirps beschrieben hatte ein Haus inmitten einer hohen Wiese.
Der Weg, den ich gefahren war, zweigte unweit des Hauses in einen Wald hinein. Ich hielt an, stieg ab und ging durch das hohe Gras auf das Gebäude zu. Es musste zuvor schon jemand diesen Weg gegangen sein, denn wie ein Pfad wies nieder getretenes Gras auf das große hölzerne Tor zu.
Eigentlich fand ich drei Spuren. Zwei sehr dünne, die möglicherweise durch Räder entstanden waren. Und eine dazwischen, die vielleicht von Besuchern her rührten.
Ich ging näher.
Das Tor entpuppte sich als zweiflügelig und stand halboffen. Hineinsehen konnte ich nicht, denn das Innere lag im Dunkel. Ein Geruch oder besser penetranter Gestank drang mir in die Nase und ich machte auf dem Absatz kehrt. Ich ging zu meinem Wagen, holte ein Tuch aus meinen Reiseutensilien und band es mir um Mund und Nase. Erneut auf das Haus zugehend, überlegte ich mir es anders, umrundete das Haus, gelangte zu einem Brunnen, nässte das Tuch und ging wieder zu dem Tor.
Ich stieß beide Flügel auf. Brummend und summend flog ein Schwarm grässlich großer Fliegen auf.
Meine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht und was sie erblickten, ließ mir das Blut in den Adern erfrieren.
Vor mir, an der gegenüberliegenden Wand lag rücklings, quer über einen Karren eine männliche Gestalt. Die Beine hingen auf der einen Seite, Kopf und Arme auf der anderen. Ich ging näher und der Gestank drang dennoch durch meine Gesichtsmaske.
Nur zwei oder dreimal war ich meinem Freund Simplicius begegnet. Kein Zweifel, vor mir lag die sterbliche Hülle meines Freundes. Mir versagten die Knie. Mein Hals schnürte sich zu. 
Es dauerte eine Weile, bis ich meine Fassung soweit wieder gewonnen hatte, dass ich klare Gedanken fassen konnte.
Ich ging hinaus zu meinem Wagen, kramte in einigen Reisetaschen und fand, was ich suchte .... Handschuhe. In Ansbach war ich Bestatter gewesen und berührte Leichen nie mit bloßen Händen.
Ich wollte der Todesursache auf den Grund gehen und deshalb brauchte ich sie.
Wieder ging ich in die Tenne. Wieder flogen Schwärme von Fliegen von Simpliciuses Leichnam auf.
Ich hob ihn, so schwer es mir auch fiel von dem Karren. Ich befühlte sein Genick, drehte ihn um und tastete seine Wirbelsäule entlang. Nichts war auffällig. Beides schien intakt. Nur seine Schultern und seine Hüftgelenke sahen merkwürdig aus und fühlen sich ebenso an.
Dann schaute ich nach oben und sah so etwas wie eine Decke über oberen den Rand der Wand herunterhängen. War er von dort hinunter gestürzt? Immerhin war es hoch genug, um auf einen Karren landend sich Genick zu brechen.
Ich folgte diesem Gedanken nicht weiter, denn es war dringender ihn unter die Erde zu bringen als darüber nachzudenken, wie es passierte.
Ich hüllte den Leichnam in ein Laken, das ich in einem der Räume fand und schnürte es zu.
Nahezu den ganzen Tag verbrachte ich damit eine Grube unweit des Hauses am Waldrand gelegen, aus zu heben. Einen Friedhof hatte ich bis dato nicht in Schwyz entdeckt. Was sollte ich also anderes tun?
Ich schleppte den Leichnam in diese Grube, häufte die Erde darüber und setzte einen Eichenschößling und ein Birkenkreuz obenauf. Ich betete still und bat darum, dass der Herr ihn gnädig in seine Arme schließen würde.
Langsam aber unweigerlich begann es zu dämmern. Ich besichtigte die Räume und fand in der Küche Simpliciuses Niedergeschriebenes. Ich verstaute alles in eine Truhe, die ich auf die Pritsche meines Wagens hievte.
Müde, enttäuscht, verärgert über die Bewohner des Ortes, bewegte ich den Wagen den Hang hinunter.
Simplicius war wahrscheinlich nicht auf der Stelle verstorben. Wenn nur einer nach ihm geschaut hätte, wäre er vielleicht zu retten gewesen.
Tief bedrückt, verließ ich Schwyz. 
Ich hatte Heimweh und sehnte mich nach Ansbach.