Wieder einmal war Issa in Ansbach, unbedingt wollte sie ihren Freund Bit besuchen, hatte sie doch von Blanche gehört, dass er jetzt ein schönes Häuschen besitzt. Nun stand sie vor dem Haus und musste aber enttäuscht feststellen, dass alles verschlossen war. Wahrscheinlich ist er wieder zu Studien aufgebrochen...dachte sie und lief langsam den Weg zurück den sie gekommen war. Schade, ging es ihr durch den Kopf, denn sie wusste nicht, wann sie wieder einmal hier sein würde.
Noch immer schmerzte das grelle Sonnenlicht der tiefstehenden Wintersonne in ihren Augen, doch das Weib hatte sich trotz den bohrenden Kopfschmerzen in aller Herrgottsfrühe von der Pritsche im Gasthof gerollt, sich gewaschen und zurecht gemacht, um dann eine Einladung wahr zu nehmen, die schon länger offenstand. Etwas erschrocken war sie schon gewesen, bei ihrem Anblick im Wasser der Waschschüssel. Die dunklen Locken schienen gar unbezwingbar und wild entschlossen dazu ihr geradezu senkrecht vom Kopf abzustehen. Die lange Zecherei der letzten Nacht forderte auch ihren Tribut und hatte sich in Form dunkler Schatten unter die Bernsteinfarbenen des zierlichen Persönchens gelegt. Einen Moment lang hatte sie gezögert, noch immer unsicher über die Wahl der Gadrobe. War's keine Eitelkeit die sie quälte, aber wohl die Unentschlossenheit, ob Alice Ansbach jetzt gerade als erweiterten Bereich von Pegnitz werten sollte, was automatisch dazu geführt hätte, dass sie feinere Kleidung anziehen würde, aber dieser Gedankengang hatte nur Unwillen in ihr ausgelöst, so hatte das Mädel das geliebte schwarze Wams und Hemd gewählt, welches sie einst in der Steiermark vom Vetter erhielt und ihr natürlich viel zu groß war. Dennoch liebte sie diese Gewandung wie wohl keine zweite, dazu wurden schwarze wildledernde Beinkleider, dunkelbraune Wildlederstiefel mit hohem Schaft sowie ein schwarzer Umhang aus schwerem Stoff komplementierten das Bild. Das Haar war in Form eines französischen Bauernzopfes streng zurückgeflochten wurden, dann hatte die Falkenhaynerin sich nochmals etwas kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht und war losmarschiert.
Ein paar Mal hatte sie auf dem Weg nach ihrem Ziel fragen müssen. Am Marktplatz 83. Glücklicherweise schien ihre Hilflosigkeit bei den Bewohnern der neuen Heimat eher Mitleid zu erwecken, so dass sich ein wohl 8jähriger Lausbub dazu erbarmte, sie bis zu der Tür des Häuschens zu geleiten, wohl in der Hoffnung, dass eine Münze den Weg in seine Hand gefunden hatte, wenn sich die Wege wieder trennen würden. Als sie jetzt wirklich vor dem Haus von Bit stand, atmete Alice einmal tief durch, drückte dem Jungen eine Münze in die Hand und scheuchte diesen dann mit einer hastigen Handbewegung fort. Nochmals schöpfte sie Atem, dann klopfte sie vorsichtig an die Haustür. Ob jemand zu Hause war?
Heute war ein so schöner Tag, dass es Bit eine Freude war aus dem Haus zu gehen, um den Frühling zu begrüßen. Er hatte sein Bündel bereits gepackt als er ein Klopfen hörte. Mit dem geschulterten Bündel tritt er vor die Tür und erblickt Alice. „Oh hallo, freut mich, dass Du den Weg her gefunden hast. Aber leider, wie Du siehst, bin ich auf dem Sprung. Ich muss für ein paar Tage zu den Mönchen.“ Er verbeugt sich verabschiedend von ihr. „Wenn ich zurück bin, lade ich dich gerne mal auf ein Glas Wein ein.“ Ohne lange zu warten, drehte er sich um und verschwand in den Gassen. Kaum das er das Örtchen verließ, marschierte er schnurstracks zu seiner Grauen vor den Toren der Stadt. Schnell war sie gesattelt und gezäumt. Die Stute bewegte nur die Ohren, schnaubte ein wenig und fraß einen der Äpfel vom letzten Sommer, die er auf dem Markt für sie besorgt hatte. Er schmunzelte als er leise flüsterte: „Na Graue, denkst, was ich denke? Richtig, wir ziehen wieder los. Aber es wird ein gemütlicher Ausritt. Wir schauen uns nur in der Heimat ein wenig um und kehren in wenigen Tagen wieder zurück. So wie du ausschaust, gefällt dir deine Bleibe ja und da möchte ich dir doch nicht die Freude nehmen“ Bit stieg gemächlich auf, lenkte sie auf den Weg in Richtung Nordwesten und ließ alsdann die Zügel schleifen. Die Graue brauchte nicht geführt werden. Sie ging einen eingeschlagenen Weg so lange bis sie entweder keine Lust mehr hatte oder ein Hindernis ihr den Weg versperrte. Schon wenige Zeit später döste er, leicht vornüber gebeugt, vor sich hin. Die Frage ob es richtig war, nach Ansbach zurück zu kehren, beschäftigte ihn mehr als er angenommen hatte. Ansbach war so still und friedlich geworden, wie einige Städte auf seinem langen Weg, die von Reisenden gern als Geisterstädte bezeichnet wurden. Dennoch, genau diese Stille ist es, die er genoss. Mit der adeligen Dame aus dem Nachbarort hatte er sich mehrfach getroffen und manchen Krug Bier in geselliger Runde mit ihr getrunken. Sie war sprachgewandt, hatte vornehmes Benehmen und war obendrein gut anzusehen. Gerne plauderte er mit ihr und war ebenso so gerne mit ihr zusammen.

