Es war wohl so, dass Bit völlig entkräftet, mehr tot als lebendig, am 15. Mai im Jahre des Herrn 1457 in Ansbach ankam.
Bevor er die rettenden Tore der Stadt erreichte, stolperte er über eine Baumwurzel und purzelte einen Hang hinunter. Als er zu sich kam, sah er sich am Fuße des Hanges liegen. In seinem Schädel brummte es wie in einem Hornissennest.
„Zu blöd“, dachte er, „wenn ich doch nur in dem hohlen Baum übernachtet hätte.“ Er richtete sich auf und befühlte seinen brummenden Schädel. Dann hielt er eine mit Blut überströmte Hand vor sich. Er versuchte sich zu erinnern, wie er in diese missliche Lage gekommen war. Die vermaledeite Wurzel tauchte vor seinem inneren Auge auf.
Aber als er sich zu erinnern versuchte, warum er hier mit zerkratztem Körper hockte, zogen nur Fetzen aus seiner Vergangenheit an ihm vorbei. Er kauerte sich zusammen und seufzte vor sich hin. Mit schmerzendem Kopf versuchte er, in sein Inneres zu dringen; suchte nach Bildern, die ihm alles zurückbringen würden. Vergebens, es waren nur noch Relikte übrig.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er aufstand, um den Weg zu den Toren der Stadt zu finden, deren Lichter ihm am Abend zuvor so verheißungsvoll zugeleuchtet hatten. Aber nachdem er die Tore durchschritten hatte, wurde ihm klar, dass niemand ihn erwartete.
Selbst die Torwachen schüttelten den Kopf: „Was willst du denn hier, du Habenichts? Sowas wie dich ... ach, geh er zum Rathaus und lass er sich dort registrieren, du armes Würstchen.“ Naserümpfend gaben die Torwachen ihm den Weg frei.
Bit nahm den Hinweis dankbar auf und schlich wie ein Büßer an den Torwachen vorbei. Stadtluft macht frei, dachte er sich. Nur dass die Ansässigen ihm aus dem Weg gingen, das irritierte ihn sehr. Immer wenn er anhob, nach dem Weg zum Rathaus zu fragen, zeigten sie ihm mit einer Handbewegung die Richtung.
„Was haben die nur?“, zuckte es ihm durchs Hirn. „Ich habe ihnen doch nichts getan.“
Es war ein schöner Frühlingstag und Bit ließ sich durch derlei Verhalten nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Er war immer überzeugt davon: Wenn er niemandem etwas antat, konnten diese ihm auch nichts antun.
Im Rathaus angekommen, wies eine mürrische Wache auf eine Tür. Bit klopfte an. „Herein!“, hörte er eine schnarrende Stimme.
Er trat ein und vor ihm stand ein Stehpult, hinter dem sich ein feister Kerl verbarg. „Was will er?“, feixte der Mann. Er hob seinen Blick kurz, ohne auf eine Antwort zu warten, kritzelte mit einer Feder auf einem Blatt herum und sagte dann: „Hier hat er, was er will.“
Er reichte Bit das Blatt und keifte ihn an: „Nun verschwinde, du Habenichts, ich habe zu tun!“
Bit nahm das Blatt und betrachtete es, während er sich aus dem Raum zurückzog und die Tür hinter sich schloss. Je länger er das Blatt betrachtete, umso deutlicher kam die Erinnerung zurück.
Da stand: „Es ist da draußen im Wald eine Hütte, die kann er beziehen. Begebe er sich zum südlichen Rand des Ortes, dort wird er sie finden. Sie hat die Nummer neun. Sollte die Nummer abgewaschen sein, dann möge er sich eine andere aussuchen. Es sind da einige nicht bewohnt. Besorge er sich in diesem Fall ein Stück Kreide und male eine große 9 an eine Wand.“
Bit las es immerzu. Mit Erstaunen stellte er fest, dass er verstand, was die Zeichen bedeuteten. Erinnerungsfetzen jagten durch sein Hirn.
Er sah sich als Bub mit einem Griffel in der linken Hand, wie er versuchte, die Zeichen auf einer großen Tafel vor ihm nachzumalen. Das Schwirren einer Rute, die die Luft zerschnitt, hallte in seinen Ohren. Schmerzhaft traf sie seine Linke. Er sah sich, wie er mit zusammengebissenen Zähnen, ein Schreien und Tränen unterdrückend, den Griffel in die rechte Hand nahm. Vor seinem geistigen Auge tauchte eine große, in eine weinrote Kutte gekleidete, finster blickende Gestalt auf.
Bit schüttelte sich und begab sich auf den Weg nach Süden.
An einem Waldrand, fast unter Dickicht verborgen, fand er das, was das Blatt ihm verhieß. Die Hütte, in die er sich nun zurückziehen konnte, war mehr als nur ein Loch. Sie war feucht, roch muffig und es deuchte ihn, dass sie keinem Regen Widerstand leisten konnte.
So kam es, wie es kommen musste: Er wurde so krank, dass er nicht einmal in der Lage war, sich selbst zu versorgen. Zusehends wurde er weniger und weniger. Nach wenigen Tagen fiel er in ein Delirium. Sein Körper war so heiß, dass man sich an ihm die Finger hätte verbrennen können.
Er wäre dem Delirium erlegen, wenn ihn nicht zufällig zwei Frauen gefunden hätten. Sie kümmerten sich um ihn und versorgten ihn. Sie fragten nach seinem Namen, aber mehr als ein geauchtes „Bitte .... ein .... bit..." brachte er nicht heraus.
So beschlossen die beiden, ihn der Einfachheit halber „Bit“ zu nennen.
Seine kräftige Natur und die gute Pflege der beiden sorgten dafür, dass er nach geraumer Zeit wieder für sich selbst aufkommen konnte.