Längst war es August geworden. Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten und wanderte am westlichen Horizont zu dem Punkt zurück, von wo aus sie seit dem letzten Winter hergekommen war. Bit schaute gerne in den Himmel und freute sich immer über das Farbspiel, dass nur die Sonne am Firmament malen konnte. Manchmal hing er dem Gedanken nach, wenn er in den blauen Himmel sah, ob die sichtbare Welt dort oben irgendwo aufhörte. Wenn es so wäre, so spekulierte er, was ist dann hinter diesem Ende. Mit diesen Gedanken im Kopf wanderten er und Rivella zum Stadttor in die naheliegenden Felder und Wiesen hinaus.
Sie fanden ein lauschiges Plätzchen unter einer Linde, die am Rande einer mit Blumen übersäten Wiese stand.
Rivella setzte sich und lehnte sich mit Ihrem Rücken an den Stamm der Linde. Er, ein wenig von seinem Tagwerk erschöpft, legte sich hin und sein Kopf ruhte im Schoß von Rivella. Beide waren sichtlich glücklich miteinander und plauschten über Dies und Das, über Ihre Sorgen und Ihre Freuden. Die warme Abendluft streichelte beiden Haut und Seele und die untergehende Sommersonne tauchte die Szenerie in ein warmes aber unwirkliches Licht.
Schwalben schwirrten im schnellen Flug dicht über die Wiese oder jagten kreischend hintereinander her. Beide schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach als Bit sie fragen hörte:
„Bit, an was kannst Du Dich aus deiner Vergangenheit noch erinnern? Du hast Dich bisher immer beharrlich darüber ausgeschwiegen oder bist Fragen danach ausgewichen.“
„Ach Rivella, da gibt es nicht viel zu erzählen. Der Schlag auf den Kopf, den ich erhielt bevor ich hier her kam, hat mich nicht nur beinahe umgebracht, sondern auch meine Erinnerung in alle Winde verstreut.“
„Warum fragst Du mich danach?“
„Weil ich alles über Dich Wissen will, um Dich besser verstehen zu können.“
Bit kämpfte mit sich. Über sich selber redete er so gut wie nie. Die Atmosphäre dieses Abend löste ihm aber die Zunge.
Da war meine Mutter.
Ich sehe sie noch, wie sie mit mir an der Hand durch Felder und Wiesen einen Hügel empor wanderte. Ich war vielleicht drei oder vier, aber auf jeden Fall noch sehr klein.
Den ganzen Weg über weinte und schluchzte sie bitterlich.
Ich verstand das nicht. Hat sie doch sonst auch nicht geweint, wenn sie, mich an der Hand, irgendwo hingegangen ist. Ob ich mitgeheult habe, weiß ich nicht mehr.
Nach einiger Zeit gelangten wir vor ein einschüchternd großes Tor. Meine Mutter klopfte an, das Tor öffnete sich und ein für mich riesiger, schwarz verhüllter Mann trat heraus. Er begrüßte meine Mutter mit einer wohlklingenden Stimme, die so ganz im Gegensatz zu seinem Äußeren stand. Er reichte meiner Mutter einen Beutel, den sie hastig unter ihrer Schürze verbarg. Meine Mutter kniete sich vor mir nieder und schaute mich mit ihren verweinten, tief braunen Augen an: „Mein Kleiner, wenn Du groß bist, wird eines Tages der Tag kommen an dem Du alles verstehen wirst.“
Sie legte mir ein ledernes Band um, an dem sich ein sehr kleiner, völlig zugenähter Beutel befand.
„Das ist alles, was ich Dir mit auf Deinen Weg geben kann. Achte und behüte es.“
Ich schlang meine kleinen Arme um ihren Hals und wimmerte still ich mich hinein. Dann trat der dunkle Mann hinter mich, löste meine Umklammerung und zog mich durch das Tor. Ich weiß nicht, ob ich geschrien habe. Ich habe nur noch wenige Augenblicke meine Mutter vor dem Tor sehen können, bis es sich schloss.
Über die Zeit seit jenes Augenblicks bis zum Zeitpunkt als ich vielleicht 14, 15 oder 16 war, weiß ich nur, dass ich auf den Feldern und in den Stallungen schuften musste, dass ich immer etwas mit dem Rohrstock über bekam, wenn ich eine Vokabel nicht kannte.
Ja, und da war noch ein Mönch, der an Sommerabenden immer mal wieder unter einer Linde saß und ein wohlklingendes Instrument spielte. Ich stand dann immer mit offenem Mund staunend vor ihm und hörte gespannt zu.
Rivella kraulte ihm die Haare und sagte: „Das war wohl der, der dir das Spielen auf der Guítarra beigebracht hatte.“
Bit nickte:
Ja und dann erinnere ich mich noch daran, dass meine Kameraden und ich sonntags, wenn wir nachmittags frei hatten, ins Dorf liefen. Dort trafen wir uns unter der Dorflinde mit den Mädels des Dorfes. Die größeren von uns neckten und scherzten mit ihnen. Ich war der jüngste und wohl auch der kleinste, stand immer etwas abseits und beobachtete alles mit aufmerksamen Augen. Eines dieser Mädel, eine hübsche rothaarige, schaute mich aus der Gruppe heraus mit ihren grünen Augen an und hielt mir einen Apfel hin. "Na kleiner, willst einen Apfel?", spöttelte sie und ich, ich lief rot an und lief weg. Schallendes Gelächter verfolgte mich.
Eines schönen Sonntages zogen die Mädchen mit uns Klosterjungs zu den Wiesen hinaus. Wir spielten: „Bäumchen wechsle dich“ und eines der älteren, die rothaarige, machte sich den Spaß und zwinkerte nur mir zu. Meistens gelang es mir bei diesem Spiel, meinen Aufpasserinnen, die hinter mir standen zu entwischen. Nur bei ihr, bei ihr gelang es mir nicht. Jedes mal, wenn mir eine andere zuzwinkerte schlossen sich blitzartig ihre Arme um mich und zogen mich an ihren Körper.
Ich verliebte mich wohl in sie und gab ihr eines Sonntages den Ring, der sich in dem Beutelchen befand, den mir meine Mutter gegeben hatte. Ob sie mich geliebt hat, weiß ich nicht mehr. Sie nannte mich immer nur, mein Kleiner. Eines weiteren Sonntags, der Sommer war fast vorüber, trafen wir uns auf der Waldlichtung, die an anderen Tagen unser geheimer Treffpunkt war. Sie schimpfte mich wütend aus und warf mir den Ring vor die Füße.
Ich weiß nur noch, dass ich diesen wortlos aufhob, noch einmal die Inschrift las, die ich nun übersetzen konnte und mich wortlos umdrehte und davonlief.
Das letzte, an was ich mich aus jener Zeit erinnere war, dass ich auf Geheiß des Abtes das Kloster zu verlassen hatte. Keiner brachte mich zum Tor oder verabschiedete sich von mir, bis auf jenen Mönch der mich das Guitarraspielen lehrte.
Seine Worte höre ich noch genau als er mir den Sack mit der Guitarra darin überreichte.
„Mein Sohn, bewahr Dir alles, was Du hier gelernt hast und wende es nur zum Guten an. Erfreue mit Deinem Spiel diejenigen Herzen, die Dir zuhören können.
Gott sei mit Dir.
Das ist alles, was ich aus jener Zeit noch weiß.
Rivella schwieg, streichelt ihm versonnen das Haar, blickte zu ihm hinab und küsste ihn auf die Stirn.

