Relativ früh und ausgeruht erreichte ich die Mauern von Augsburg. Kurz davor wurde ich von einem gerüsteten Reiter angehalten, der mich jedoch in Frieden ließ und lediglich nach dem Weg fragte.
Wahrlich, ich sage euch, das sind wirklich trutzige Mauern, die noch dazu von einem Wassergraben umgeben sind! Aus der Richtung, aus der ich kam – von Südwesten –, gab es Gott sei Dank ein Tor. So musste ich nicht um die halbe Stadt fahren, um mir einen Lagerplatz zu suchen.
Man mag es kaum glauben, aber beim ersten Mal, als ich vor ungefähr zwei Jahren hier war, wurde ich doch glatt als Stadtstreicher für eine Nacht in den Turm geworfen, und das nur deshalb, weil mir das Kleingeld für eine Übernachtung in der Herberge fehlte. Sachen gibt es!
Nun lagerte ich vor dem südwestlichen Tor und hatte es mir unter einer mächtigen Buche am Rande einer Wiese gemütlich gemacht.
Da es noch früh genug war und wir schließlich Sonntag hatten, beschloss ich, dem Gottesdienst beizuwohnen.
Augsburg hat einen Dom und nicht nur ein kleines Kirchlein. Leider musste ich die halbe Stadt durchqueren, um dorthin zu gelangen. Wenn man meint, dass die Messe in einem Dom anders ist als in einem kleinen Kirchlein, dann täuscht man sich. Die Pfaffen predigen überall das Gleiche. Der einzige Unterschied ist, dass die Gesänge in einem Dom anders klingen.
Nach dem Gottesdienst strömten die Menschen – oh Wunder – nicht in ihre Heime, sondern kehrten in die reichlich vorhandenen Schänken ein. Ich tat es ihnen gleich, aber nur ganz kurz.
So marschierte ich dann wieder hinaus zu meinem Rastplatz und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein.
Nachdem ich mein sonntägliches Mittagsschläfchen gehalten hatte, fühlte ich mich erfrischt und zu neuen Taten bereit. Ich marschierte in die Stadt und wunderte mich, warum die Torwachen mich so anstandslos passieren ließen. Diesmal waren es wieder zwei. Vielleicht lag es daran, dass Sonntag war und die Sonne einen warmen Tag versprach. Sie versprach es nicht nur, es wurde auch so.
Aber der Reihe nach.
Ich schlenderte also in die Stadt hinein und begab mich, da mich gedürstete, in die hiesige Ratsschänke. Solche Schänken gibt es überall, und man ist dort bestens versorgt. Die Wirtin war zugegen und ich begann sofort zu grübeln. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber ich wusste es keiner Begegnung zuzuordnen. Da waren noch zwei Gäste, ein Paar, und überraschenderweise stammten sie aus Linz. War ich ihnen einst begegnet?
Die Wirtin erwähnte ihren Namen: Petra. Wieder löste das eine Suche in meinem Gedächtnis aus. Beides, Gesicht und Vorname, kamen mir bekannt vor, aber woher und wann, fragte ich mich.
Ich tastete mich fragend vor, wollte ich vor ihr doch nicht zugeben, dass ich kaum einen blassen Schimmer mehr hatte, als sie Reutlingen erwähnte und dass wir uns dort getroffen hätten. Ich war völlig verblüfft, als sie auch noch erwähnte, dass wir miteinander korrespondiert hatten. Das war ein wenig zu viel Vergangenheit für mich, und ich zog es vor, mit meinen Gedanken allein zu sein.
Reutlingen damals. Ich wartete auf Issa, die Zwillingsschwester von „Lillimelitta“, das fiel mir ein. Da war noch Rivella, die mir nicht aus dem Sinn ging. Und da war noch mein gebrochenes Herz, wie ich glaubte.
Grübelnd hockte ich vor meinem Wagen, mein Kinn in beide Hände gestützt. Wer war Petra? Zu gerne hätte ich in meinen Notizen gewühlt, aber die waren leider in Ansbach.
Dumpf erinnerte ich mich daran, dass ich damals häufig zur Guitarre griff, um mich und meine Gedanken in andere Bahnen zu lenken.
Ich holte sie hervor, bewunderte ihre Form und begann jene Melodie zu spielen, von der ich glaubte, dass ich sie damals oft gespielt hatte.
Sicher war ich mir aber nicht. Die Guitarra klang gut. Lange hatte ich sie nicht mehr berührt. Warum, weiß ich nicht zu erklären.
Als ich spielte, schweiften meine Gedanken zurück, weit, sehr weit zurück. Ein wenig wehmütig legte ich sie in ihren Koffer, den ich einst extra für sie gebaut hatte, als ich noch in Linz wohnte.
Ich merkte, dass weder das Musizieren noch die Erinnerungen gut für mich waren. Ich sollte endlich damit abschließen, dachte ich mir. Und dennoch, der Klang und die Form waren so verlockend, dass ich geneigt war, ein weiteres Lied zu spielen. Ich war allein unter der Buche. Weit und breit war niemand zu sehen, der mir lauschen konnte. Die Sonne lachte, Vögel zwitscherten und putzige Wolken trieben am Himmel vorüber. Warum sollte ich nicht das Meinige dazu beisteuern?
Ich öffnete den Kasten und nahm sie wieder heraus. Sie, die ich so lange geschmäht hatte. Ich begann zu spielen und ließ es mir gut gehen. Meine Finger taten so, als ob sie sich freuten, über die Saiten hinwegzuhuschen. Das Lied, das ich spielte, hatte ich aus Andalusien mitgebracht, und jedes Mal, wenn ich es spielte, löste es gewaltige Gefühle in mir aus.
Der sonnige Tag ging zur Neige. Mein Proviant war aufgebraucht. Selbst die Braune musste darben, weil nicht einmal mehr eine Karotte da war, an der ich selber gerne geknabbert hätte.
Ich ging erneut in die Stadt hinein, wollte ja nicht betteln. Aber wenn man nichts mehr hat, dann ist einem jede Hilfe recht.
Wieder traf ich auf Petra, schließlich ist sie ja die Wirtin. Ich schilderte ihr meine prekäre Situation und ... sie half mir.
So langsam kehrte meine Erinnerung zurück und ich begriff, wen ich vor mir hatte. Ich war erschüttert, konnte es kaum fassen. Nach all den Jahren ... sie hatte mich nicht vergessen.
Sie half mir damals und auch heute. Ich konnte etwas für mich und meinen Gaul beschaffen. Es war ausreichend für uns beide.
Wir saßen stundenlang beieinander und tauchten tiefer und tiefer in unsere Vergangenheit hinab. Sie hatte ein schwereres Schicksal als ich. Ich war nur umhergewandert, aber sie hatte in dieser Zeit so viele Menschen verloren und stand mit drei Kindern allein.
Wir reichten uns die Hände, und die Gemeinsamkeit, die uns damals zusammenführte, führte uns auch diesmal zueinander.
Als ich zu meinem Wagen hinauswanderte, es war schon Nacht, glaubte ich, dass die vermeintlich verkorkste Reise doch noch ein gutes Ende nehmen würde.