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Rottweil am 25. September 1459

Die Räder des Karren holperten auf dem Pflaster, die Hufe des großen Rosses klapperten im gleichmäßigen Takt auf dem Pflaster und die zierliche Frau auf dem Bock wirkte aufmerksam, doch auch irgendwie unruhig. Genau wie Bit sie gebeten hatte, lenkte sie das Pferd samt Karren in die Straße die von den Einheimischen Wollberg genannt wurde. Es dauerte nicht lange, da hatte sie das Eckhaus gefunden und ein energisches "Brrr." war zu hören. Sogleich hielt der große Graue und das junge Weib sprang vom Bock. Dem Pferd wurde ein Rübenschnitz zugesteckt, dann trat sie zur Tür des Hauses und klopfte. "Bit? Ich bin da!", rief sie gegen die geschlossene Tür. Doch lang hielt sie sich vor dieser nicht auf, sondern trat wieder zu dem Pferd, welches den Kopf senkte und an der Hand seiner kleinen Herrin nach weiteren Leckereien suchte.

Ich wachte auf dem Kanapee von einem Rufen nach meinen Namen, so ich das unterbewusst wahrgenommen hatte, auf. Der Ruf schien von draußen gekommen sein. Mit steifen Gliedern ging ich zum Erkerfenster und öffnete es.
Milde, warme, früherbstlich duftende Luft drang er herein und es begrüßte mich ein sonniger Tag. Tolles Reisewetter dachte ich noch als ich unten Kara samt Karren und einem eingespannten Ross entdeckte.
Ich rief ein Guten Morgen hinunter und fügte noch an, dass ich noch einiges zu tun hätte im Eckhaus und auch auf die Gastgeberin warten musste, die wohl zum Markt unterwegs sei.
Ich rief ihr noch mit lächelndem Gesicht zu: „Kara, warte bitte nicht auf mich. Lass den Karren stehen. Sobald ich ihn beladen habe, bringe ich ihn zum vereinbarten Treffpunkt oder besser, ihr kommt gegen Tagesanbruch wieder her, denn wir müssen eh hier zum Tor hinaus.“
Ich winkte ihr zu und wartete, mich aus dem Fenster lehnend, auf ihre Antwort.
…
Ein Rufen ertönte von oben und so hob sie den Kopf um dann sogleich mit einer Hand die Augen gegen die Sonne abzuschirmen. Tatsächlich, da oben stand Bit und winkte. Mit der freien Hand winkte sie ebenfalls und nickte dann, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie verstanden hatte. "In Ordnung. Bei dem Dicken hier musst du dich durchsetzen... er ist etwas stur, aber eigentlich lammfromm."
Kara wies auf das Pferd, kraulte diesem nochmals die Mähne und band es dann fest. Der Dicke würde ihr sonst nur folgen.
"Dann werd ich nochmal in die Wirtshäuser ziehen. Bis dann Bit." Karana winkte nochmals und machte sich dann auf den Weg.
…
Ich schaute ihr noch eine Weile hinterher, bis sie außer Sicht war. Da die Hausherrin immer noch dicht da war, setzte ich mich vor Tibor's Sekretär, ein wunderbares Stück, zu gerne würde ich es mit nach Ansbach nehmen aber na ja, der Alte hatte sich anders entschieden.
Bis jetzt hatte ich mich nicht getraut, den Sekretär zu öffnen, um nachzuschauen, was da so ans Tageslicht kommen würde. Tibor hatte zwar geschrieben, dass ich nichts von dem mitnehmen dürfe aber er hatte nicht geschrieben, dass ich den Sekretär in Ruhe lassen sollte. Nun überwand ich meine Scheu. Eine Lade nach der anderen öffnete ich und fand neben Schreibutensilien, jede Menge Pergamente, drei Tagebücher, ein Reisetagebuch, Briefe, die zu Päckchen gebündelt waren, Bilder, eins schöner als das andere auch noch weitere Musikstücke. Sogar ein Märchen mit dem Titel „Drachentöter“ war darunter.
Ich brannte darauf, mehr über den Alten wissen zu wollen und damit auch mehr über mich und meiner Familie. Ich lehnte mich zurück und begann zu lesen.
Sprunghaft wie ich nun einmal bin blätterte ich in den Büchern mal nach vorne, mal nach hinten. So recht auf etwas bestimmtes konnte ich mich nicht konzentrieren, denn ich suchte ja nach Hinweisen, die mir so manche Frage beantworten würde. In seinem letzten Tagebuch so ziemlich am Ende wurde ich stutzig und las die Seite konzentriert und langsam.
Zitat: 
Seit Wochen oder gar seit Monaten plagt mich eine seltsame Krankheit, die immer nach dem gleichen Schema abläuft. Zuerst friere ich, dass es mich schüttelt und das selbst, wenn es draußen heiß ist. Danach wird mir heiß und heißer. So heiß, dass ich meine verglühen zu müssen.. Krämpfe umklammern während dessen mein Gedärmse, so dass ich vor lauter Schmerzen am liebsten laut schreien würde. Danach beginne ich zu schwitzen, dass der Schweiß wie in Bächen an mir runterfließt. Das ganze hält drei Tage und während dieser Zeit kann ich kaum was zu mir nehmen.
Anfangs waren diese Schübe seltener aber zur Zeit mehren sie sich. Wenn das anhält, und keiner weiß Rat, dann werde ich es nicht mehr lange machen.

Rottweil am 4. Sept. 1459

Mich erschlug es fast als mir die Tragweite dessen gewahr wurde. Der Alte war sterbenskrank gewesen und wünschte sich wohl den Tod herbei. Jetzt wusste ich, warum er ohne jegliche, erkennbare Regung meine Herausforderung angenommen hatte. Jetzt begriff ich auch, warum der Alte so leicht wie eine Feder war als ich ihn auf den Karren hievte und ich begriff, warum seine Attacken gegen mich so harmlos waren. Er wollte verlieren.
Ich schüttelte mit dem Kopf. Mochte der Alte auch vieles geplant haben, dass konnte er nicht planen, denn es war reiner Zufall, dass ich just zu dieser Zeit in Rottweil war. Das konnte er keinesfalls vorhergesehen haben.
Ich schloss das Buch und legte es an seinen Platz zurück. Unruhig schritt ich im Erker auf und ab.
Es würde Zeit brauchen all diese Dokumente zu sichten und zu verstehen. Nur, sie rann davon, wie Sand zwischen den Fingern. 

Der Tag rann davon. Von der Hausdame war weit und breit weder was zu hören noch zu sehen. Ich verstaute alle Dinge, die Tibor mir vermacht hatte auf den Karren. Zuletzt brachte ich meine Packtaschen und alles was ich sonst besaß ebenfalls auf den Karren.

Viel war es nicht aber mir wertvoll genug.

Gegen Abend holte ich meine Braune aus dem Mietstall und spann sie neben den Dicken von Kara. Merkwürdiger Weise vertrugen sich beide auf Anhieb. Komisch sind Tiere schon manchmal, dachte ich.

Es dämmert und ich spielte mich auf Tibor's Guitarra müde. Seit ich es gesehen hatte, dieses Stück, was die Überschrift Nachtlied trug, war es in meinem Schädel und in den Ohren. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein als mich ein Albtraum aus dem Schlaf riss. Ich sah mich noch vor einem Abgrund stehen als mich eine von hinten hinein stieß. Das Fallen wollte kein Ende nehmen und ich wachte erschrocken auf.

Schummrig war der Erker von der Morgendämmerung erleuchtet. Ich stand vollends auf, nahm die Guitarra und schlich auf leisen Sohlen zur Stiege. Nichts war zu hören. War die Hausdame anwesend, fragte ich mich. Nun, jetzt war keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Leise schlich ich die Stiege hinunter, durchquerte den Wohnraum, sah mich kurz um und hoffte, dass die Hausdame dieses Kleinod zu schätzen wüsste. Tibor's Memoiren hatte ich allesamt wieder in den Sekretär verstaut. Nur das Märchen, das hatte ich an mich genommen.

Ich verließ das Haus, legte den Schlüssel, den ich hatte unter einen der Kübel, erblickte Karana in dicken Decken verpackt auf dem Bock des Karrens und Meini und Romeo auf ihren Pferden sitzend. Stumm setzte ich mich neben Kara auf den Bock und los ging es in Richtung Ansbach.