Bit zog: Dd1:h5 Schach, Beg7:g6, Ld3xBg6, Bh7xLg6, Dh5xBg6. "Schach und matt.", sagte er. Der Alte klaschte leise Beifall. "Gut ist er geworden." Wieder war es die Stimme, die Bit das Hirn marterte. Er konnte nur das Profil des Alten sehen und dennoch, Erinnerungsfetzen wagten es nicht ins Bewusstsein zu dringen. Er zog sich zurück, besetzte eine leere Ecke der Schänke und starrte nahezu auf den Alten. Er, der sonst immer allen anderen gegenüber aufmerksam und freundlich war, bemerkte nicht, wie voll die Schänke war. Mit einem Mal schaute der Alte zu ihm und schnauzte ihn grießgrämig an: "Was starrt er so? Hat er noch nie einen alten Mann gesehen?" Bit ging die Stimme durch und durch. Seine Augen waren nur noch Schlitze. Wut packte ihn als er in Gedanken spürte, wie eine Rute ihn immer wieder auf die Hände klatschte und blutige Spuren hinterließ. "Das ist er, der dir die Mutter genommen hatte und den du so lange gesucht hast.", sagte eine innere Stimme zu ihm. Er erblickte in dem alten Mann den, der ihm soviel Leid zugefügt hatte aber auch jenen, der ihn vieles gelehrt hatte. Markant und höhnisch unterbrach der Alte seine Gedanken: "Was ist? Eine Partie?" Bit schaute ihn, aus seinen Gedanken gerissen, mit seinen graublauen, vor Wut blitzenden Augen an. "Nur zu, stellt die Figuren auf", sagte er dennoch seltsam ruhig.
Der Alte, völlig unbeeindruckt von Bit's Worten, stellte die Figuren auf's Brett und verbarg einen weißen und schwarzen Bauern in seinen Händen, die er hinter seinen Rücken führte und sagte dann mit seltsam ruhiger, fast milder Stimme: „Wenn er verliert, dann messen wir uns mit den Klingen. Wenn er gewinnt, gehört ihm alles, was jemals meins war." Für Bit gab es kein Zurück mehr, er hasste diesen Mann, weil er glaubte, dass dieser ihm seine Mutter gestohlen hatte, sie auf seinem Gewissen hatte. "Wählt", sagte der Alte mit eiskalter und tonloser Stimme und hielt ihm beide Fäuste entgegen.
Bit deutete auf die linke. Die öffnete sich und darin lag ein schwarzer Bauer. Bit erschrak kaum merklich. Er wusste ja, wen er vor sich hatte. Nie hatte er ihn als Nachziehender mit Schwarz schlagen können. Tibor, sein Gegenüber, eröffnete mit seinem Standardzug, Damenbauer d2 auf d4. Bit hatte die Qual der Wahl. Scharf attackieren oder den natürlichsten Gegenzug machen. Er entschied sich für d7:d5. Tibor schaute ihn abwartend an und zog im gleichen Moment, c2:c4. Bit kannte das und jedesmal wenn er darauf antwortete, hatte der Alte eine Antwort parat. Fast verzweifelt dachte er: "Wenn ich doch nur die andere Hand gewählt hätte" Der Kampf auf dem Brett wogte hin und her. Beide waren so vertieft, dass sie nichts von ihrer Umgebung wahrnahmen. Keiner von beiden gab auch nur ein Stück breit nach, keiner gab etwas von dem zu erkennen, was in ihren Köpfen und Seelen vor sich ging. Ab und zu begegneten sich ihre Blicke forschend aber keiner gab auch nur eine Spur von seinen Absichten preis.
Bit erkannte, dass er auf verlorenem Posten stand und legte seinen König nieder, denn, und das sah er ...........und wusste, dass Tibor jetzt keinen Fehler mehr machen würde. Im Grunde genommen bewunderte er die meisterliche Kombination, die ihren krönenden Abschluss im Opfer zweier Läufer fand.
Tibor musterte ihn und sagte: "Gut gesehen, mein Sohn." Spöttisch fügte er hinzu: "Hat er doch was gelernt."
Wieder war es die Stimme die in Bit's Kopf dröhnte und hallte. Sie weckte ungute Erinnerungen an seine Knabenzeit ihn ihm. Angst und Schrecken hatte sie ihm damals eingejagt. Während seiner vielen Reisen war ihm gerüchteweiser zugetragen worden, dass dieser Alte vor ihm, am Tode seiner Mutter und seines Vaters schuld sei. Mit bebender Stimme sagte er: "Die Revanche ...... auf dem Turnierplatz." Tibor hob sein Haupt nur wenig, blickte ihn spöttisch aus seinen grauen Augen an und flüsterte fast: "Hoffentlich hast du dir das gut überlegt." . Nickte zustimmend.
Bit sah, wie Tibor nahezu gelangweilt, sich betont langsamen Schrittes auf die Mitte des Kampfplatzes zu bewegte. Er sah ihn ein paar Lufthiebe schlagen und die Grundstellung einnehmen, die für ein Gefecht dieser Art durchaus typisch war. Seitlich stehend, die Beine versetzt, die Waffe mit leicht angewinkelten Arm vor sich haltend, den freien Arm angewinkelt in die Höhe haltend, wartete Tibor auf den ersten Schlagabtausch.
Bit näherte sich ebenfalls der Mitte des Platzes, Waffe und Arme dabei lockernd. Der Alte höhnte ihn an: "Nun komme er doch her und zeige was er drauf hat." Kaum das die höhnische Stimme verebbte, stürmte Bit auf den Alten los. Dieser wich geschickt aus und versetzte ihm, en passant Hiebe, die zwar nicht tödlich waren aber ihm blutende Wunden zufügten. Der Alte war nicht schlecht. Mochte der Himmel wissen, woher er das Rapier zu führen gelernt hatte. Immer wieder wehrte er Bits wuchtige Schläge mit Erfahrung und Können ab, versetzte ihm, eins ums andere mal, Hiebe und Stiche, die nicht ohne Folgen waren. Bit wich zurück. Sein Atem ging schwer. Jetzt konzentrierte er sich auf die Abwehr und sammelte neue Kräfte. Er spürte, dass er mehr einbringen musste als nur ungestümes Angreifen. Mit Kraft allein konnte er den Sieg nicht erringen. Er verlegte sich auf das, was er bei den Spaniern gelernt hatte, fintenreiche Zermürbungstaktik. So stürmte er zwar heran stoppte abrupt, ließ Tibors Schläge ins Leere gehen und konterte. Ein seitlich von oben geführter Konterschlag zerfetzte Tibors Hemd und hinterließ eine stark blutende, klaffende Wunde, die an der Schulter begann und oberhalb der Brust endete. ... Tibor merkte, dass je länger der Kampf dauerte, ihn die Kräfte verlassen würden. Auf seiner vorletzten Pilgerreise waren sie durch ein Sumpfgebiet marschiert und seitdem kränkelte er. Es gab Schwächeanfälle, die von hoher innerer Hitze begleitet waren. Dann wurde ihm so kalt, dass er glaubte seine Knochen klappern hören zu können. Diese Anfälle oder Schübe wiederholten sich in gleichmäßigen Abständen und schwächten ihn eins ums andere Mal. Wenn nicht Bit es schafft, dann rafft ihn die Krankheit dahin. So oder so, dass war ihm klar, würde sein Ende kommen. Dann lieber hier, dachte er, lieber als ehr- und wehrhafter Mann sterben als von einer heimtückischen Krankheit in den Tod gequält zu werden. Er wehrte sich so gut es ging. Seine Angriffe täuschte er nur vor. Bits Abwehr war erstaunlich solide. Hinzu kam die Flinkheit mit der er angriff, sich darauf schnell entfernte und im Rückwärtsgang noch Konterschläge anbrachte.
... Beide umschlichen sich wie hungrige Wölfe, die sich gegenseitig die Beute streitig machen. Beide waren vorsichtiger geworden. Beide erkannten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis einer von ihnen zu Boden ging. Mit ihnen standen sich jugendliche Kraft und Tollkühnheit gegen Erfahrung und kontrolliertes Können gegenüber. ... Während er zustechend und schlagend um Tibor herumschlich, tauchte in Bit's Gedanken ein Mädchengesicht auf. Der war es, ging ihm durchs Hirn, der meine Elvira zum Teufel jagte, der sie an einen feisten Kerl verschacherte. Der war es, der mir die erste Liebe stahl. Derjenigen, der der Ring seiner Mutter wie angegossen war. Mit einem mal, waren alle Erinnerungen an seine Kindheit wieder da. Nebel lüfteten sich und im seinem Hirn sah er die etwas ältere Elvira weinend an einem Baum lehnend auf einer Lichtung. "Du bist schuld", schrie sie fast, "dass ich nun hinfort unter die Knute eines schrecklichen alten Mannes muss. Hätte ich dich doch nie in meine Arme geschlossen." Weinend schmiss sie ihm den Ring vor die Füße und lief davon. Er war vielleicht um die 16 als das passierte und jetzt traf ihn die Wucht der Erkenntnis, dass der Alte schuld war. ... Tibor erkannte, dass sich in Bits Verhalten etwas geändert hatte. Die jugendliche, ungestüme Wut war aus dessen Gesicht entschwunden. Statt dessen sah Tibor, wie der junge Mann, trotz all der blutenden Wunden, ruhig und überlegt wurde, wie sein Gesichtsausdruck es nicht nicht mehr zuließ, irgendwelche Absichten zu erkennen. Er kannte das. Jetzt hieß es, vorsichtig zu werden. Jetzt hieß es, die Altersarroganz abzulegen. Jetzt ging es um alles. Er spürte, dass sein Gegner bereit war, auch die letzte Hemmung abzulegen. ... Während sie sich lauernd umkreisten, erinnerte sich Tibor an die Zeit als sein gegenüber als Knabe in seine Obhut gegeben worden war. Damals hasste er den Knaben, weil dieser von einem Mann gezeugt wurde, der es sich erlauben konnte, von seinem Recht, die erste Brautnacht zu stehlen, Gebrauch machte. Bit's Mutter, eine zierliche kleine Frau, mit langen dunkelbraunen Haaren und ebensolch tiefbraunen Augen, kannte er von Kindesbeinen an. Sie spielten oft miteinander und er, als er ins Mannesalter kam, verliebte sich unsterblich in sie. Das neidete ihm der junge Graf. Der sorgte dafür, dass sie ihm entrissen und an einen alten, hünenhaften Schmied vergeben wurde. Seitdem hasste er den jungen Grafen und dessen Brut. ...
Reflexartig zog Bit die Klinge zurück als der alte Baum kippte und schmiss sie von sich. Von weiten hörte er jämmerliches, erbärmliches Weinen zweier Kinder. Bit sackte neben dem Alten auf die Knie, nahm dessen Kopf in seinen Schoss und wischte ihm das Blut ab, das aus Mund und Nase quoll. Schwer und röchelnd ging Tibors Atem. Nur langsam ebbte Bits Erregung ab und nur langsam fand Bit sich in der Wirklichkeit wieder. Sein Verstand verweigerte ihm zu erkennen, was er getan hatte. Weinend näherten sich die Kinder. "Holt einen Karren.", hörte er sich nach Luft schnappend sagen. Die Kinder entfernten sich weinend. Tibors Atem wurde schwächer. Bit sah wie der Alte seinen Mund bewegte und legte sein Ohr dagegen. Bit meinte Worte zu vernehmen, wie Gertraude, Blumenladen und so etwas wie endlich und zu Ende. Als die Kinder, nach einer Ewigkeit, so schien es Bit, mit einem Karren und einem davor gespannten Esel zurück kamen, war Tibor verstorben. Bit hievte den leblosen Körper mit letzter Kraft auf den Karren. Schweigend begab er sich nach vorne zu dem Esel, packte dessen Zügel und sagte mit gebrochener Stimme zu den Kindern: "Weist mir den Weg zum Friedhof." Die Kinder gehorchten, still vor sich hinweinend. Sie gingen voraus und Bit folgte ihnen. Merkwürdig still war es auf dem Weg zum Friedhof. Nur das Rumpeln des Karrens auf dem Pflaster begleitete diesen seltsamen Zug. Die Kinder vorne weg. Das Mädchen die Hand des Brüderchens umfassend. Ein blutüberströmter Mann dahinter. Gefolgt von einem Eselsgespann auf dessen Karren ein lebloser Körper lag. Passanten wechselten die Seite und blickten beschämt zur Seite.
Mein lieber Bit,
ich nenne Dich mal so, wie alle anderen auch. Dein wahrer Taufname lautet Bitmar – der Gottanrufende. Was die Welt aus diesem Ruf an den Himmel gemacht hat, weißt du besser als jeder andere.
Ich weiß, dass du mich hassen musst. Und ich wusste stets, dass unsere Wege sich eines Tages kreuzen würden. Ja, du hast unter mir gelitten. Du warst keine vier Jahre alt, als man deine Mutter zwang, dich fortzugeben. Nicht ich nahm dich am Tor in Empfang, das war Bruder Jakobus, Gott habe ihn selig. Erst viel später wurdest du mir anvertraut.
Ich wusste, wessen Blut in deinen Adern fließt. Und es war mir eine tägliche Qual, den Schatten deines Erzeugers in dir zu sehen. Er war ein Mann, der keine Grenzen kannte, der sich mit roher Gewalt nahm, was ihm nicht zustand. Ich war unerbittlich zu dir, weil ich den Hochmut dieses Mannes aus dir brennen wollte. Jede Milde hätte uns beide zudem sofort verraten und jene auf den Plan gerufen, die deinen Tod wünschten.
Dein Erzeuger weilt nicht mehr unter den Lebenden. Ein verirrter Pfeil bei einer Hatz, so sagt man. Vielleicht lenkte das Schicksal die Sehne, vielleicht aber auch die Hand eines Mannes, dem er alles genommen hatte, was er liebte.
Kurz nachdem man ihr das Kind entrissen hatte, fand das Leben deiner Mutter ein jähes, grausames Ende. Man fand sie blutend am Ufer des Flusses, niedergestreckt durch den kalten Stahl einer Klinge. Die wahren Täter blieben im Verborgenen, stattdessen schob man mir die Tat in die Schuhe. Die Narren ahnten nichts von den dunklen Abgründen jener, die in ihr nur eine lästige Zeugin sahen.
Dass du all dies überhaupt überlebt hast, verdankst du allein einem alten, einflussreichen Gönner aus jenem kalten Haus, das uns allen so viel Leid brachte. Er wachte aus der Ferne über dich. Er war es, der den Abt anwies, dich in die Fremde zu schicken, als du siebzehn Lenze zähltest, um dich ihrem Zugriff endgültig zu entziehen.
Als das Ende dieses alten Mannes nahte, gab er mir auf dem Sterbebett diesen Ring. Er gehörte einst mir. Ich war deiner Mutter versprochen, bevor jener andere mir den Ring höhnisch entriss, sich das Recht der ersten Nacht nahm und das Leben deiner Mutter zerstörte. Ihr blieb nur, dir heimlich das kleine Beutelchen mitzugeben.
Forsche nicht nach dem Haus, aus dem du stammst. Die Mauern dort sind unerbittlich, und die Wahrheit bringt dir nur den sicheren Tod. Nimm den Ring und meine spärlichen Habseligkeiten und verfüge darüber, wie du willst.
Tibor

