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Ein Tagwerk ist vollbracht

Helene

Fröhlich brachte ich mein bescheidenes Abendbrot von der Küche in die Stube. Es war eine Scheibe Brot, mit etwas mehr Butter als üblich bestrichen und mit frisch gehackten Kräutern aus dem Garten bestreut. Dazu gab es einen Becher kühlen Tee. Genau das richtige Abendmahl nach einem erfüllten Arbeitstag. Entspannt setzte ich mich auf die Eckbank und schmunzelte, als ich an den Brief von Bit dachte. „Sitzen ja, schlafen nicht“, kicherte ich vor mich hin, biss in das Brot und nahm einen Schluck Tee.

Fasziniert schaute ich dem Farbspiel der untergehenden Sonne auf dem Boden zu. Die sinkende Sonne, die durch die Butzenscheiben fiel, warf ein faszinierendes Muster auf die Dielen. Während ich überlegte, was er wohl gerade machte, schob ich eine Haarsträhne, die sich aus dem Haarband gelöst hatte, wieder zurück.

Die Sonne sank tiefer und es wurde kühler in der Stube. Zum Glück lagen die Decken wieder ordentlich in der Ecke der Eckbank und ich konnte eine davon zu mir ziehen und mich darin einwickeln. Vor meinem inneren Auge zogen die letzten Tage noch einmal vorbei.

Den ganzen Samstag hatte ich mit Wäsche zugebracht. Erst wurde der Schrank im Schlafzimmer ausgeräumt und das unter der Treppe befindliche Kämmerchen auch. Alle Wäsche hatte ich einfach auf das Bett gelegt und sortiert. Die guten Sachen kamen gleich wieder ordentlich in den Schrank. Doch brauchte ich fast den halben Tag, um Bits und auch meine älteren Sachen zu flicken und auszubessern. Nicht im Traum hätte ich jemals gedacht, dass es für mich eine Selbstverständlichkeit werden würde, die Unterkleidung eines Mannes so zu behandeln und noch dazu, sie so nahe an mich heranzulassen. Zum Glück steckte der Besitzer der Kleidung nicht drin. Allein der Gedanke ließ mich erröten und doch stahl sich ein kleines Schmunzeln auf meine Lippen. Gefühlt hatte ich so viel Garn verbraucht wie in meinem ganzen Leben zusammen noch nie. Dennoch, irgendwann war auch dieses Tagwerk vollbracht. Ich hätte nicht gedacht, dass Nähen und Stopfen so anstrengend sein konnte. Deswegen räumte ich das Bett auch nicht frei, sondern ließ alle Sachen da liegen und schlief erschöpft auf der Eckbank in der Stube ein.

Den Sonntag verbrachte ich ruhiger. Nach einem wirklich herrschaftlichen Frühstück – ich gönnte mir eine Scheibe Brot mit Butter und goldgelbem Honig und dazu zwei Eier mit Speck und Schnittlauch – schämte ich mich fast schon meiner Völlerei. Erst recht, als in der Messe darauf gerade von den Tugenden gesprochen wurde. In meiner Zeit im Kloster hatte ich gelernt, dass Völlerei ganz sicher keine Tugend ist.

Der Weg durch die Schänken ließ mich immer nur auf leere Tische und Bänke sehen, so ging ich daran, die Sachen, die noch vom Vortag auf dem Bett lagen, in den Schrank zu sortieren. Das erste und wichtigste Kriterium war die strikte Trennung der männlichen und weiblichen Sachen. Danach wurden die guten Sachen, die für sonntags oder andere Festtage vorbehalten waren, nach oben sortiert. Durch das Ausbessern musste ich feststellen, dass Bit davon recht viel hatte. Bei mir lag nichts in dem Fach, da ich meine gute Bluse, den guten Rock und das Mieder noch anhatte. Eine bescheidene Auswahl, die nach meinen Erinnerungen aber den Geschmack meines Brotgebers getroffen hatte. Der Blick, den er über meinen Körper geschickt hatte, als er damals mein neues Mieder zum ersten Mal sah – mich dünkte, dass es ein wohlwollender Blick war.

Im nächsten Fach verstaute ich die Kleidung für jeden Tag. Auch hier musste ich feststellen, dass meine Auswahl mehr als bescheiden war. Aber ordentlich und sauber war alles, für mich ein wichtiges Kriterium. Fast schon verschämt verstaute ich die Wäsche, die wirklich nur noch zur Arbeit tauglich war. Bei mir waren es die meisten Kleidungsstücke. An meiner Kleidersituation musste ich wirklich arbeiten. Schließlich sollte mein Brotgeber sich nicht meiner schämen.

Am Abend stand ich verschämt im langen Nachthemd vor dem großen Bett. Lange betrachtete ich es, bis ich mich umdrehte und wieder auf der Eckbank nächtigte. Noch konnte ich nicht in dieses Bett steigen. Es war doch Bits Bett, auch wenn er es mir abgetreten hatte für die Zeit, in der er nicht zugegen war.

Der Montag verschlug mich in das Arbeitszimmer. Doch bevor ich dort anfing, ging ich in den Garten und holte einige faustgroße Steine, die mir in die Hand gefallen waren, als ich das Kräuterbeet angelegt hatte. Diese wusch ich nun gründlich frei von jeglichem Schmutz und legte sie zum Trocknen an den Brunnenrand.

Zwar hatte ich schon einmal versucht, in der Schreibstube irgendeine Ordnung zu schaffen, aber ich hatte resigniert aufgegeben. Heute sollte es jedoch so weit sein. Die Ärmel hochgekrempelt, sah ich mich um. Dieses Mal sortierte ich die Papiere resolut. Zwar achtete ich darauf, alles zusammenzuhalten, wie es war, aber zumindest ordentliche Stapel konnte man doch machen – dachte ich mir. Alles wollte ich nicht so herumliegen lassen und ging zu dem Schrank gegenüber dem Fenster. Da war noch genügend Platz. Einige Stapel ließ ich darin verschwinden und die Papiere, die zuoberst gelegen hatten, ließ ich auf dem Schreibtisch. Man mochte es nicht glauben, aber er war wirklich wieder in dieser Funktion benutzbar.

Ich ging in den Garten und holte die Steine. Auf dem Schreibtisch der Schreibstube schnitt ich einen alten, dunkelblauen Rock von mir in ausreichend große Vierecke – der Rock war wirklich nicht mehr zum Tragen geeignet. So hatte er wenigstens noch Verwendung und war zu etwas gut. Mit diesem Stoff umwickelte ich jeden Stein und band ihn mit einem netten weißen Bändchen zusammen. Diese Steinsäckchen legte ich auf die Papierstapel. Erst jetzt traute ich mich, die Fenster zu öffnen. Nun konnte nichts mehr durch die Gegend fliegen.

Den Besen schwingend ging ich durch den Raum und stellte fest, dass sich überall Sägespäne verfangen hatten. Nach einem besonders heftigen Besenzug unter dem Schreibtisch polterte mir ein Beitel entgegen. Was machte ein Beitel in einer Schreibstube? Schlagartig fiel mir ein, dass Bit einmal davon gesprochen hatte, dass er Kinder hier im Haus hatte. War in dem Brief nicht von Spielzeug und von einer Schreinerwerkstatt die Rede gewesen? Schnellen Schrittes ging ich in die Schlafkammer zu meinem Bündel und holte die Briefe hervor. Nacheinander nahm ich jeden zur Hand und wirklich, da stand es. Ich sollte mich auf mehr Überraschungen in diesem Haus gefasst machen.

Unter dem Tisch fand ich noch einen Hobel und viel mehr Sägemehl. Hoffentlich hatte die Dame Erdmute das bei ihrem Besuch nicht gesehen. Energisch schwang ich nun den Besen und beförderte allerlei Kinderspielzeug und Schreinermaterial hervor. Hier lag etwas in der Ecke hinter dem Schrank, dort tief unter dem Tisch, dann lag etwas beim Kamin, und als ich mich auf den Boden legte und unter den Schrank langte, stieß ich auf eine wahre Fundgrube.

Ich ging auf den Markt und war froh, nicht viele Bekannte zu treffen. Ansbach hatte recht viele Einwohner und alle kannte ich nun wirklich nicht. Zwei große Körbe erstand ich und ging mit ihnen wieder nach Hause in die Schreibstube. Der eine Korb wurde mit dem Schreinerwerkzeug gefüllt. Beitel, Hobel, Sägen, Zwingen und was das alles noch war, was ich nicht kannte. In den anderen Korb gab ich die Spielsachen. Ein Holzpferd, eine einfache Puppe aus Stoffresten, noch mehr Tiere aus Holz und einfache Klötze, die verschieden groß waren. Die Puppe thronte oben und es sah fast aus, als würde sie dem Betrachter winken. Die beiden Körbe stellte ich an die Seite, so sollte Bit sehen, wohin er mit den Sachen wollte. Zu viel Ordnung war ihm sicher nicht zuträglich.

Die letzten zwei Tage hatte ich viel im Garten verbracht. Wenn ich ehrlich war, dann hatte ich diese Tage eher der leichten Arbeit gewidmet. Gerne ließ ich mich von vorbeikommenden Menschen ablenken und plauderte mal mit diesem, mal mit jenem. Sogar den Bürgermeister sah ich in üblicher Eile über den Markt gehen und im Rathaus verschwinden. Natürlich musste ich dort auch etwas tun, aber im Grunde hatte ich eher die Sonne genossen. Das Gras ward mit der Sense gemäht und gerade als ich es zusammenklaubte, fragte mich eine Nachbarin, ob ich ihr die Mahd geben würde. Sie hätte Kleintiere gefangen – waren es nun Hasen oder Kaninchen gewesen? – und versuchte sie zu halten. Anscheinend ging das und sie vermehrten sich. Mir war eines zum Winter hin als Schlachtvieh versprochen worden und damit gab ich gerne die Mahd ab. Sonst hätte ich sie ohnehin nur zwischen die Kräuter gegeben, damit sie sich zu Erde verwandele.

Der letzte Bissen vom Brot verschwand in meinem Mund. Morgen war viel zu tun und ich brauchte meinen Schlaf. Aus diesem Grunde räumte ich mein Brett und den Becher weg, wusch ab und gab alles wieder an seinen Platz.

Mein Weg in das Schlafzimmer ging durch die Schreibstube und mein Blick blieb am aufgeräumten Tisch hängen. Kurzentschlossen nahm ich Papier und Feder zur Hand, überlegte kurz und tauchte die Feder in die Tinte, um einen Brief zu schreiben. Befriedigt, auch dies erledigt zu haben, und froh, mich wieder einmal mitgeteilt zu haben, faltete ich das Blatt und tropfte etwas Siegelwachs darauf. Ein Siegel hatte ich nicht, aber es verschloss den Brief. Verstohlen sah ich mich um und drückte einen Kuss auf das Siegel. Das würde ja keiner wissen. Ein kleines Geheimnis, von dem nur ich wusste.

Vor der Türe auf dem Markt waren noch genügend Jungen, die für ein paar Heller dafür sorgen würden, dass der Brief seinen rechten Weg finden würde.

Zufrieden mit den Tagen ging ich wieder hinein, schloss die Türe sorgfältig und kontrollierte, dass die Fenster geschlossen waren. Erst dann begab ich mich in die Schlafkammer, entledigte mich meiner Kleider, stieg in das lange Nachtkleid und machte mir Mut: 'Helene, es ist nur ein Bett und du bist allein im Haus. Das ist schon richtig so.'

„Es ist sein Bett“, antwortete ich mir selber und setzte mich vorsichtig auf die Bettkante. Es geschah nichts. Zufrieden legte ich mich hin, zog die Decke über den Körper und schlief glücklich ein.

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