Der
Abstecher nach Schaffhausen hatte sich nicht gelohnt. Den, den ich
hoffte dort anzutreffen, war nicht erschienen. Sei's drum.
Schaffhausen
ist ein gemütlicher aber sehr ruhiger Ort. Die Leute dort ziehen es
aber anscheinend vor, lieber ihr Abende am heimischen Herd zu
verbringen als mit Fremden in einer Schänke.
Zugegeben
ich habe nicht nachgezählt wie viele Kneipen es dort gibt aber mehr
als zwei sind's bestimmt nicht. Ich wartete noch einen Tag und weil
es mir langweilig wurde, kehrte ich um nach Rottweil.
Ich
verhandelte mit den Torwachen, denen mein Gefährt anscheinend
suspekt war und durfte passieren, nach dem ich, wie unabsichtlich mit
ein paar Münzen gespielt habe. So hatten wir alle was davon. Ich
mein Gefährt und sie ein paar Münzen.
So
ungefähr kannte ich den Weg zum Wollberg noch. Fuhr ihn ganz zu Ende
und hielt dann vor dem Eckhaus am westlichen Ende des Wollbergs an.
Reichlich
verlassen stand es da, das Eckhaus. Der Erker ragte wie ein
Felsenvorsprung in die Gasse hinein. Alle Läden waren verschlossen.
Kein Geräusch drang nach außen.
Noch
immer standen die Kübel, die längst bessere Tage gesehen hatten,
links und rechts neben dem Eingang. Ich bückte mich, kippte sie
nacheinander hoch und es war so wie damals. Unter einem der beiden
fand ich den Schlüssel.
Ein
wenig mulmig war mir schon, dieses Haus ein zweites Mal zu betreten.
Mir
drängten sich seine Worte auf, die er gelassen aber mit drohendem
Unterton sagte als er mich zum Duell forderte: „Verliert er, dann
verliert er sein Leben. Verliere ich, so gehöre ihm alles, was mein
ist."
Es gab
da noch eine Randnotiz von Tibor, in der er dieses Vermächtnis
widerrief und Haus nebst Inventar einer jungen Frau, namens
Marielena, vermachte. Ich hatte sie kennen gelernt und bin davon
ausgegangen, dass sie sein Erbe in Ehren hielt.
Leider,
so musste ich feststellen, war das ganz und gar nicht der Fall war.
So wie es mir gerüchterweise zugetragen worden war.
Laut
krächzend schrie das Schloss als ich ihn ihm den Schlüssel
herumdrehte. Es wehrte sich lautstark, gerade so, als wolle es
niemanden hinein lassen. Die dunkle Tür klemmte und ich musste mich
regelrecht dagegen stemmen, um sie zu öffnen. Mit einem Ruck gab sie
dann nach und ich stand im dunklen Empfangsraum.
Ich
griff links nach oben neben die Tür und wie ich richtig in
Erinnerung hatte, war dort eine Fackel in ihrer Halterung. Ich machte
Licht. Der Raum bot einen Anblick als wenn der Hausherr nur auf einer
längeren Reise wäre. Alle Möbelstücke waren ordentlich mit weißen
Laken zugedeckt, die aber von einer dicken Staubschicht bedeckt
waren. Überall in den Ecken und da wo es gerade möglich war, hatten
Spinnen ihre Netze aufgespannt.
Ich
querte den Raum, ging durch die kleine mir schräg rechts
gegenüberliegende Tür, befand mich in der schmalen Diele an deren
linken Ende die Wendeltreppe nach oben führte. Überall bot sich mir
das gleiche Bild. Bilder, Ecken und Gegenstände, die nicht abgedeckt
waren, waren von den Kerbtieren, insbesonders Spinnen in Besitz
genommen worden. Mich störte das wenig.
Oben
angekommen ging ich zielsicher die Diele nach rechts entlang und
gelangte so in die Arbeitskammer von Tibor. Auch hier das gleiche
Bild wie unten. Alles war abgedeckt. Es musste schon eine lange Weile
her sein als das geschehen war.
Ich
öffnete die Fenster nebst zugehörigen Schlagläden und ließ Licht
und Luft herein. Sorfort änderte sich das Bild und der Raum gab
seine Behaglichkeit frei, die mir vorher im Flackerlicht der Fackel
verborgen geblieben war.
Ich
deckte den Sekretär und einen Stuhl ab und wie ich es angenommen
hatte, war alles so, wie ich es vordem hinterlassen und im Gedächtnis
hatte. Die Schubladen waren wie ehedem mit allerlei Schreibkram
überfüllt. Zwei Schubläden ließen sich nicht öffnen. Gewalt
wollte ich nicht anwenden. Es wäre zu schade um dieses Kleinod des
Schreinerhandwerks gewesen. Ich leerte eine Schublade nach der
anderen und suchte nach dem Mechanismus, der mir die verschlossenen
öffnet. Natürlich, es war wie bei einem gut sortierten
Schlüsselbund, der letzte passt. So auch hier. Als die letzte frei
zugängliche Schublade entleert war, fühlte ich ein Hebelchen, das
unter der Deckplatte angebracht war. Ich bewegte den Hebel und hörte,
wie ein feiner Mechanismus die verschlossenen Laden frei gab. Ich
staunte nicht schlecht, was ich in den Laden vorfand.
Es waren
etliche Mappen und Bündel von Briefen, die mit einem bunten Band
verschnürt waren.
Ohne
genau zu wissen, wonach ich eigentlich suchte, stöberte ich die
Stapel durch. Ich betrachte das eine oder andere Blatt, bis ich auf
einmal eine schmale Mappe fand in der sich einige Notenblätter
befanden. Zwischen diesen Blättern, anscheinend den Variationen
zugeordnet, lagen Porträts von Frauen.
Mein
Interesse war geweckt. Schleunigst holte ich meine Guitarra und
versuchte die Melodie und die Akkorde zu spielen. Mehr holprig und
stolprig war mein Versuch. Dieses Stück hatte es in sich.
Dennoch
gab ich nicht auf und versuchte es bis zur letzten Variation zu
spielen. Das dauerte aber nach und nach erschloss sich mir das Stück,
das Thema und die Analogien, die auf die Frauenbildnisse Rückschlüsse
erlaubten.
Es
dunkelt bereits als ich aufhörte und alles wieder verschloss.