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Zu Rottweil, 04. Mai 1460


Der Abstecher nach Schaffhausen hatte sich nicht gelohnt. Den, den ich hoffte dort anzutreffen, war nicht erschienen. Sei's drum.
Schaffhausen ist ein gemütlicher aber sehr ruhiger Ort. Die Leute dort ziehen es aber anscheinend vor, lieber ihr Abende am heimischen Herd zu verbringen als mit Fremden in einer Schänke.
Zugegeben ich habe nicht nachgezählt wie viele Kneipen es dort gibt aber mehr als zwei sind's bestimmt nicht. Ich wartete noch einen Tag und weil es mir langweilig wurde, kehrte ich um nach Rottweil.
Ich verhandelte mit den Torwachen, denen mein Gefährt anscheinend suspekt war und durfte passieren, nach dem ich, wie unabsichtlich mit ein paar Münzen gespielt habe. So hatten wir alle was davon. Ich mein Gefährt und sie ein paar Münzen.
So ungefähr kannte ich den Weg zum Wollberg noch. Fuhr ihn ganz zu Ende und hielt dann vor dem Eckhaus am westlichen Ende des Wollbergs an.
Reichlich verlassen stand es da, das Eckhaus. Der Erker ragte wie ein Felsenvorsprung in die Gasse hinein. Alle Läden waren verschlossen. Kein Geräusch drang nach außen.
Noch immer standen die Kübel, die längst bessere Tage gesehen hatten, links und rechts neben dem Eingang. Ich bückte mich, kippte sie nacheinander hoch und es war so wie damals. Unter einem der beiden fand ich den Schlüssel.
Ein wenig mulmig war mir schon, dieses Haus ein zweites Mal zu betreten.
Mir drängten sich seine Worte auf, die er gelassen aber mit drohendem Unterton sagte als er mich zum Duell forderte: „Verliert er, dann verliert er sein Leben. Verliere ich, so gehöre ihm alles, was mein ist."
Es gab da noch eine Randnotiz von Tibor, in der er dieses Vermächtnis widerrief und Haus nebst Inventar einer jungen Frau, namens Marielena, vermachte. Ich hatte sie kennen gelernt und bin davon ausgegangen, dass sie sein Erbe in Ehren hielt.
Leider, so musste ich feststellen, war das ganz und gar nicht der Fall war. So wie es mir gerüchterweise zugetragen worden war.

Laut krächzend schrie das Schloss als ich ihn ihm den Schlüssel herumdrehte. Es wehrte sich lautstark, gerade so, als wolle es niemanden hinein lassen. Die dunkle Tür klemmte und ich musste mich regelrecht dagegen stemmen, um sie zu öffnen. Mit einem Ruck gab sie dann nach und ich stand im dunklen Empfangsraum.
Ich griff links nach oben neben die Tür und wie ich richtig in Erinnerung hatte, war dort eine Fackel in ihrer Halterung. Ich machte Licht. Der Raum bot einen Anblick als wenn der Hausherr nur auf einer längeren Reise wäre. Alle Möbelstücke waren ordentlich mit weißen Laken zugedeckt, die aber von einer dicken Staubschicht bedeckt waren. Überall in den Ecken und da wo es gerade möglich war, hatten Spinnen ihre Netze aufgespannt.
Ich querte den Raum, ging durch die kleine mir schräg rechts gegenüberliegende Tür, befand mich in der schmalen Diele an deren linken Ende die Wendeltreppe nach oben führte. Überall bot sich mir das gleiche Bild. Bilder, Ecken und Gegenstände, die nicht abgedeckt waren, waren von den Kerbtieren, insbesonders Spinnen in Besitz genommen worden. Mich störte das wenig.
Oben angekommen ging ich zielsicher die Diele nach rechts entlang und gelangte so in die Arbeitskammer von Tibor. Auch hier das gleiche Bild wie unten. Alles war abgedeckt. Es musste schon eine lange Weile her sein als das geschehen war.
Ich öffnete die Fenster nebst zugehörigen Schlagläden und ließ Licht und Luft herein. Sorfort änderte sich das Bild und der Raum gab seine Behaglichkeit frei, die mir vorher im Flackerlicht der Fackel verborgen geblieben war.
Ich deckte den Sekretär und einen Stuhl ab und wie ich es angenommen hatte, war alles so, wie ich es vordem hinterlassen und im Gedächtnis hatte. Die Schubladen waren wie ehedem mit allerlei Schreibkram überfüllt. Zwei Schubläden ließen sich nicht öffnen. Gewalt wollte ich nicht anwenden. Es wäre zu schade um dieses Kleinod des Schreinerhandwerks gewesen. Ich leerte eine Schublade nach der anderen und suchte nach dem Mechanismus, der mir die verschlossenen öffnet. Natürlich, es war wie bei einem gut sortierten Schlüsselbund, der letzte passt. So auch hier. Als die letzte frei zugängliche Schublade entleert war, fühlte ich ein Hebelchen, das unter der Deckplatte angebracht war. Ich bewegte den Hebel und hörte, wie ein feiner Mechanismus die verschlossenen Laden frei gab. Ich staunte nicht schlecht, was ich in den Laden vorfand.
Es waren etliche Mappen und Bündel von Briefen, die mit einem bunten Band verschnürt waren.
Ohne genau zu wissen, wonach ich eigentlich suchte, stöberte ich die Stapel durch. Ich betrachte das eine oder andere Blatt, bis ich auf einmal eine schmale Mappe fand in der sich einige Notenblätter befanden. Zwischen diesen Blättern, anscheinend den Variationen zugeordnet, lagen Porträts von Frauen.
Mein Interesse war geweckt. Schleunigst holte ich meine Guitarra und versuchte die Melodie und die Akkorde zu spielen. Mehr holprig und stolprig war mein Versuch. Dieses Stück hatte es in sich.
Dennoch gab ich nicht auf und versuchte es bis zur letzten Variation zu spielen. Das dauerte aber nach und nach erschloss sich mir das Stück, das Thema und die Analogien, die auf die Frauenbildnisse Rückschlüsse erlaubten.
Es dunkelt bereits als ich aufhörte und alles wieder verschloss.