Anderntags ....
Heute gegen die Mittagszeit traf ich Marikara im Dolch. Sie erinnerte mich daran, dass ich ihr etwas erzählen wollte als wir noch in Schaffhausen waren. Ich antwortete darauf, dass ich soviel erzähle, dass ich bald nicht mehr weiß, was, wann und wo. Sie gab mir ein Stichwort und mir fiel es prompt wieder ein. Das Stichwort war Tibi und ja, ich hatte ihr versprochen über ein Schriftstück in dem ihr Namen auftauchte, zu berichten. Irgendwann fragte ich sie, ob sie einen Schreiber namens Sebastianus kenne. Sie antwortete überraschenderweise mit ja. Ich sagte noch, dass ich ihn unbedingt finden muss und sie bot mir an, mir bei der Suche behilflich zu sein.
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Ich begann die Suche in der nordöstlichsten Ecke des Ortes. Dort wie ich vermutete, stand einst das Eckhaus von Tibor.
Ich begann die Suche in der nordöstlichsten Ecke des Ortes. Dort wie ich vermutete, stand einst das Eckhaus von Tibor.
Ich war sehr überrascht, dass ich zwar sowas wie eine Klosteranlage vorfand aber weit und breit kein Eckhaus. Auch ein Gassenschild fand ich nicht.
Ich muss da ziemlich dumm rum gestanden haben als mich zwei Mönche ansprachen. "Sucht er was ganz Bestimmtes? Wollt'st ausbaldowern, wie er ein Raubzug starten kann?"
„Meine Herren, was denken sie von mir. Ich suche ein Eckhaus. Das Eckhaus von Tibor.", sagte ich entrüstet. Die beiden tuschelten miteinander, was ich nicht verstehen konnte.
„Tut uns leid, darüber wissen wir nichts.", sagte der etwas hagere von beiden.
Sie wollten geradewegs von dannen ziehen als ich rief: „Kennt ihr einen Schreiber namens Sebastianus?"
Beide blieben stehen und sahen mich eindringlich an. Der dickere von Beiden sagte: „Ja der Name ist mir bekannt, auch die Person. Es ist ein alter vornehmer Herr. Was will er von ihm?"
Wieder fühlte ich mich bei dem Ton, den die beiden anschlugen, wie gemaßregelt.
Mit fester und eindringlicher Stimme erwiderte ich: „Ich will gar nichts von ihm, habe nicht vor ihn zu bestehlen oder ihm gar ein Leids anzutun. Ich bin kein Halunke, wenn ihr das mit eurem Ton ausdrücken wollt. Ich will nur ein paar Informationen von ihm, denn er soll ja ein Freund von Tibor gewesen sein."
Ich holte tief Luft, um meine aufkeimende Verdrießlichkeit zu unterdrücken.
„Zeige er mir einen Beweis, dass das stimmt, was er da her redet.", sagte nun der dickere mit drohendem Unterton.
Zum Glück hatte ich drei Dinge bei mir, die hilfreich sein konnten. Den Ring, das aristotelische Medaillon und den letzten Brief von Tibor, der sich in meiner Umhängetasche befand. Ich zeigte ihm das Medaillon und gab ihn den Brief zu lesen.
Nachdem er gelesen hatte, reichte er mir den Brief zurück und sprach in mildem Tonfall: „Mein Sohn, der Herr Sebastianus lebt sehr zurückgezogen. Einst war er häufig unser Gast aber seit langem ist er nicht mehr erschienen. So ich hörte, soll er das letzte mal am anderen Ende des Ortes an einem kleinen Weiher gesichtet worden sein. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen."
Das war mehr als ich zu hoffen gewagt habe. Ich nickte beiden zu und verbeugte mich vor ihnen. Beide nahmen ihren Weg schweigsam wieder auf.
Ich stand noch eine Weile am selben Fleck und schaute ihnen nachdenklich nach.
Dann machte ich
mich auf den Weg. Ich lief in die Richtung, die mir gewiesen worden
war.
Da ich diese
Ecke des Dorfes nicht kannte, fragte ich, neuerdings meine
Lieblingsbeschäftigung, Passanten nach dem Weiher. Nach vielen Eehms
und Hmms gelang es mir den Weiher zu finden.
Ein hübscher
Fleck im Ort, dachte ich. Hier wäre ein guter Rastplatz für meinen
Wagen.
Ich stand am
südlichen Ende des Weihers. Rechts von mir grenzte ein kleines
Wäldchen an. Dort konnte ich zwei Häuser sehen. Ich hielt drauf zu.
An beiden Türen waren Namensschildchen angebracht. Aber nicht der
eines Sebastianus.
Ich umrundet den
See rechts herum, konnte aber keine weiteren Behausungen entdecken.
Noch einmal lief ich in nordwestliche
Ecke bis die Stadtmauer ein Weiterlaufen in diese Richtung
verhinderte. Ich überlegte kurz. Hier war es sehr still und einsam.
Nur wenige Gesichter hatte ich gesehen.
Dann machte ich mich in südwestliche
Richtung auf, immer an der Stadtmauer längs.
Es dauerte nicht lang als ich eine
kleines Häuschen entdeckte, das sich an die Stadtmauer duckte. An
der Tür befand sich kein Schildchen, das auf die Bewohner hinwies.
Das Haus hatte links von der Tür nur
ein Fenster, dessen Schlagläden halb offen waren.
Ich versuchte hineinzuschauen. Aber
Butzenscheiben verhinderten dies.
Ich legte mein Ohr an die Tür, nichts
war zu hören.
Entschlossen klopfte ich an. Nichts.
Nochmals klopfte ich. Eine brüchige Stimme fragte: „Wer da? Was
will er?"
Ich rief: „Ich suche einen Schreiber
namens Sebastianus. Seid ihr das?"
Stille trat ein und nach geraumer Zeit
hörte ich ein Schlurfen und wie das Schloss der Tür entriegelt
wurde. Sie öffnete sich eine Spalt und ein grauhaariger Kopf schaute
heraus.
Ich war einen Schritt zurückgetreten,
um den Bewohner nicht zu erschrecken.
„Was wollt ihr von dem?", kam
es brüchig.
Ich stellte mich und mein Ansinnen
vor.
„Zeige mir, dass er es ist!",
sagte die Stimme nun fester und mit einem Unterton von Interesse.
Ich zeigte ihm den Ring.
Erkennen lag in seinem alten,
zerfurchten Gesicht. Die Tür öffnete sich zur Gänze und er machte
eine einladende Geste.
Der Raum, den ich betrat, breitete mit
all seinem Inventar, den vielen Folianten, Mappen und Pergamente, die
sich überall stapelten, eine behagliche Atmosphäre aus.
Der Alte bot mir einen Platz an einem
sehr großen und rustikalem Tisch an. Ob ich was zu trinken haben
wolle, fragte mich der Alte nicht unfreundlich. Ich antworte ebenso
freundlich: „Holt bitte nur zwei Becher. Zur Vesper habe ein Stück
Käse und einen Kanten Brot quasi als Gastgeschenk mit gebracht.“
Der Alte nickte, ging an ein
Schränkchen und kam mit zwei Bechern zurück. Während er die Becher
holte legte ich das Mitgebrachte auf den Tisch. „Nun, was will er?“
Ich erklärte ihm, dass ich nach
Tibors Nachlass gesucht habe und hoffe, dass er wisse, was es damit sich auf
sich hätte.
„Ja“, kam es, „da hat er
außerordentliches Glück. Da das Eckhaus lange, lange Zeit leer
stand und diese junge Frau, die er es zu guter Letzt noch geschenkt
hatte, nicht dafür sorgte und jetzt dem Umbau des Ortes im Wege
stand, wurde es abgerissen.
In letzter Minute erinnerte sich
jemand an mich und ich sorgte dafür, dass alles Hab und Gut einem
guten Zweck zukam. Die herrlichen Möbel sind bei Bruno, einem guten
Freund von Tibor. Ihr findet seinen Hof nordwestlich von hier. Etwa
auf halben Weg zum hiesigen Kloster. Seine Dokumente und was es sonst
noch so an Kleinigkeiten gab sind in den zwei Truhen verstaut, die
mir hier in der Stube nur den Platz rauben. Nehmt sie mit, am Besten
sofort.“
Der Alte holte kurz Luft, goss sich
aus dem Weinschlauch ein und nahm etwas Käse und Brot zu sich.
Er musterte mich aus seinen grauen
Augen, schüttelte leicht den Kopf und fuhr fort: „Ihr seid also
der Schüler, den er suchte.“ Ich nickte. „Einen guten
Lehrmeister habt ihr gehabt und großes Glück obendrein. Wenn er
nicht schon zum Tode geweiht gewesen wäre, von einer Reise kam er
mit einer tödlichen Krankheit zurück, wie er mir berichtete. Dann,“
er machte eine kleine Pause, „dann hättet ihr es nicht überlebt.
Er war weit und breit der bester Fechter mit seinem Rapier. Selbst
der gröbste Kerl am Ort, namens Caligula, hatte keine Chance gegen ihn. Er hätte ihn
damals als er sich mit ihm duellierte ohne weiteres töten können.
Er tat es aber nicht, er ließ ihn am Leben. Was hat euch Tibor
getan, dass ihr es mit ihm ausgetragen habt?“
Es platzte aus mir heraus: „Er hat
meine Mutter meuchlings aus Eifersucht erstochen. Sieben Stiche,
wurde mir berichtet, waren es.“ Ich brach ab, weil meine Stimme zu
versagen drohte.
Der Alte nun mit ganz ruhiger Stimme:
„In seinen Dokumenten findet ihr was, was euch darüber aufklärt,
was wirklich mit euer Mutter geschah. Es tut mir leid, ich bin müde.
Gehe er jetzt und hole er noch vor Sonnenuntergang Tibors Nachlass.“
Ich verabschiedete mich freundlich und
eilte durch den Ort, um so schnell als möglich zu meinen Wagen zu
kommen.
Ich lenkte ihn zum nördlichen Tor und
fuhr ein Stück an der Stadtmauer entlang, bis ich vor dem Häuschen
ankam. Ich lud die beiden Truhen auf. Verabschiedete mich noch einmal
ganz freundlich, wendete den Wagen und fuhr erneut durch das Nordtor
Richtung Kloster.
Ich wußte ja, wo ich Bruno finden
würde, denn ich kannte ihn und seine Familie.
