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Zu Ulm am 16.06.1460

Am frühen Nachmittag erreichte ich Ulm. Diesmal lagerte ich in Sichtweite des östlichen Tores, spannte die Braune aus, gab ihr noch den Rest von Hafer zu fressen und ließ sie dann grasen. Ich hatte eine ruhige Fahrt und Zeit, um über so manches nachzudenken.
Ich reiste wieder allein, was den Vorteil hatte, dass ich mich um nichts und niemanden scheren musste. Mit einem Schmunzeln dachte ich noch an den gestrigen Abend, den ich überraschenderweise nicht allein verbringen musste, wie ich des Nachmittags noch glaubte.
Dino, Mais und ein mir unbekanntes Mädel, namens Ina leisteten mir Gesellschaft. Kurz schneite auch die Freundin von Mais herein, verließ uns dann aber wieder schnell. Gesprächsthema war wie so oft, das Reisen und die kleinen und großen Probleme, die es in einem solch ruhigen Ort gab.
Wieder hatte ich Glück. Angesichts meiner schmalen Reisekasse, machte mir Mais ein gar vorzügliches Angebot, was die Kasse schwindsüchtiger aber mich um zwei Laibe Brot reicher machte. Ich war froh, mich nicht mehr um den Proviant kümmern zu müssen.

Nachdem die Braune versorgt war, zog ich in den Ort zum Markt - merkwürdig, diesmal hielt mich keine Torwache auf – wo ich billige Äpfel vom letzten Jahr, etwas Hafer und Wurzeln für die Braune erstand.
Die Bäuerin, der ich die Dinge abhandelte, schien wohl zu merken, dass ich mehr oder minder blank war und legte ein paar Wurzeln mehr in meinen Korb. Ich schenkte ihr ein dankbares Lächeln dafür, was sie, so schien mir, in Verlegenheit brachte. War sie es nicht gewohnt, ein dankbares Lächeln zu bekommen, fragte ich mich als ich mich zu meinem Wagen hinaus begab.
Dort angekommen, richtete ich mir wie immer mein Lager ein und der Brei, den ich mir aus Gries, Wasser und etwas Hafer zubereitete, schmeckte mir absolut nicht. Seufzend dachte ich an die Kochkünste meiner Haushälterin.
Weil mir langweilig wurde, holte ich aus dem Wagen Tibors Memoiren und begann das zweite Kapitel, „Die ersten Rottweiler Tage" zu lesen. Auch blätterte ich zurück, warum stand da nichts über den Tod meiner Mutter. Tibor erwähnte nicht einmal mehr, ob sie sich jemals wiedertrafen.
War er am Ende etwa unschuldig am Tode meiner Mutter. War mein Hass, der mich bis zu jenem verhägnisvollen Tag verfolgte gar unberechtigt?
Ich betrachte das abgegriffene Blatt, worauf stand, dass er der Tat dringend verdächtigt sein. Was war damals wirklich geschehen, fragte ich mich.
Ich las weiter und je mehr ich las, umso absurder schien mein Hass.
Anderntags wollte  ich die Grafschaft Württemberg verlassen und in das Augsburger Ländle einmarschieren.


Aber wie so oft, was mich betraf, kam es meist anders als ich es mir träumen ließ. Ich hockte auf dem hinteren Pritschenrand. Meine Beine baumelten herunter und ich war immer noch in Tibors Aufzeichnungen vertieft als ich Hufgetrappel hörte. Ich schaute auf und sah, wie ein Reiter aus der Richtung kommend, wie ich zuvor, voll auf mich zuhielt.
Ich sprang von der Pritsche und kaum das meine Füße den Boden berührte, dachte ich an mein Rapier (Anm. des Redakteurs, ein Rapier ist der Vorläufer des Degen), welches irgendwo auf der Pritsche zwischen all den Sachen lag, die sich da so angesammelt hatten. Man, dachte ich, was ist, wenn das einer ist, der dir eins über den Schädel donnern will, nur um ein Stück Brot zu erbeuten. Da lade ich ihn doch lieber gleich ein, dachte ich weiter als der Reiter auch schon sein Pferd nur ein paar Ellen vor mir, abrupt zum Stehen brachte und schwungvoll vom Pferd sprang.
Selbst meine Braune hob den Kopf und schien dem Geschehen neugierig zu folgen, weil ihre Ohren sich wie aufgeregt, hin und her bewegten. Sie wieherte und schnaubte, ungewöhnlich für meine Braune befand ich, als auch das Ross des Reiters laut zurückwieherte.
Der Reiter fragte mich aufgeregt: „Ist das 'ne Stute?" Ich nickte als der Gaul auch schon auf meine Braune los stürmte. Der Reiter bekam gerade noch mit einer Hand den Zügel zu fassen und ließ nicht los. Nach zig Ellen Schleiffahrt über die matschige Wiese, es hatte ja geregnet wie nichts Gutes, ließ er los. Der Gaul bestürmte meine Braune. Nöö, dachte ich auf den Reiter zu eilend, nicht auch das noch. War meine Braune rossig, ohne mir davon was zu sagen?
Ich half dem Reiter hoch, dem Gott sei Dank nur Matsch anhaftete. Seine Kleidung hatte gut durchgehalten und war weder zerfetzt noch durchlöchert.
„Seid ihr in Ordnung, habt euch nichts gebrochen?", fragte ich ihn.
Der Kerl erhob sich leise fluchend zur vollen Größe, wobei er mich um einen halben Kopf überragte. „Die sind wir erstmal los, verdammich.", schimpfte er.
„Ach kommen sie werter Herr, ich mach uns was warmes zu trinken. Danach ist immer noch Zeit, die Gäule einzufangen."
Gesagt getan. Auf halben Weg seiner rasanten Rutschpartie hatte er eine prall gefüllte Umhängetasche verloren, die er, immer noch grummelnd, im Vorbeigehen aufhob.
Ich fachte mein Lagerfeuer und bot ihm ein Hocker an. So langsam schien seine Wut zu verrauchen. Er fragte mich: „Seid ihr zufällig einem Herrn namens Bit begegnet? Er soll so wie ihr, mit einem Planwagen nach Ulm aufgebrochen sein, wie ich in Reutlingen erfragt habe."
Ich stutzte, was jetzt wohl wieder kommt, fragte ich mich und nickte. Er öffnete die Packtasche und überreichte mir wortlos zwei versiegelte Briefe. Och nö, was hat das nun wieder zu bedeuten. Das eine Siegel kannte ich. Es ist das Siegel derer von Mythenmetz. Das andere Siegel war mir unbekannt aber der Geruch, der dem Brief anhaftete, der kam mir bekannt vor.
Um nicht unhöflich zu sein, stellte ich mich als Bit aus Ansbach vor. Der Reiter erwiderte, nun sichtlich besser gelaunt: „Mich nennt man Harry, bin froh, dass ich euch noch erwischt habe." Mir klang es in den Ohren, wie hurry, wie ich es mal gehört hatte. Nomen est omen, dachte ich.
Mittlerweile kochte das Wasser im Kessel, den ich über das Feuer gehängt hatte und ich brühte uns beiden ein heißes Kräutergetränk auf, von einer Mischung, die ich in Schaffhausen von einem 14-jährigen Mädel geschenkt bekommen hatte. Man stelle sich vor, ein 14-jähriges Mädel ohne elterlichen Schutz abends in einer Kneipe. In welcher Zeit leben wir eigentlich?, fragte ich mich.
Ich stellte ihm noch den Eimer mit dem Waschwasser hin und legte ein mäßig sauberes Tuch und eine Bürste dazu.
So kamen wir ins Gespräch.
„Wisst ihr", sagte er, „ich bin Bote und hetze den Leuten hinterher. Ein schei ... Leben ist das. Wenig Lohn und viel Ärger und alles geht auf die Knochen. Und das bei jedem Wetter. Ich jage euch nun schon aus Rottweil hinterher. Der Herr Maliander hätte sich auch ein wenig früher überlegen können, dass er eine Botschaft für euch hat." Er grummelte und setzte dann fort: „In Zollern dachte ich, dass ich euch bald einholen würde als mir ein wuseliges, rothaariges, merkwürdig riechendes Weib, eine Botschaft für euch und zehn Taler in die Hand drückte. Immerhin war sie noch in der Lage mir die Richtung anzugeben, in der ihr gefahren seid. Gott sei Dank, traf ich ein paar Fremde, die mir sagten, dass ihr in Richtung Ingolstadt weiter gezogen seid." Er holte tief Luft und änderte sprunghaft das Thema. „Wisst ihr, wenn ich mir euren Wagen so anschaue, dann denke ich, sattel um. Ich werde Reichsumzugsspediteur. Zur Zeit wechseln die Leute ihre Wohnorte, wie Kleingeld die Besitzer."
Ich antwortete amüsiert: „Spezialisiert euch auf Bettumzüge, dann habt's auch unterwegs gemütlich." Er lachte: „Ja, so werde ich es machen."
Ich wärmte ihm den Brei auf, den ich mir zum Mittagsmahl auserkoren hatte. „Schmeckt nicht aber sättigt.", sagte ich. „Egal", antwortete er, „Hauptsache was im Magen. Ach, gebt mir doch mal von den Kräutern von eben." Ich gab ihm das Beutelchen. Er nahm sich den hölzernen Teller, füllte ihn auf und rührte etwas von der Kräutermischung darunter. Er grinste: „Probiert mal."
Ich probierte und das Zeugs hatte auf einmal Geschmack. Wenn das nur keine Teufelsmischung ist, dachte ich, es schien für und gegen alles gut zu sein.
„Esst und trinkt derweil, während ich mir die Botschaften durchlese."
Schmunzelt las ich die Zeilen von Maliander in denen er sich ausdrücklich für die kurzweiligen Stunden in Rottweil bedankte. Ich schüttelte den Kopf. Deswegen hatte er Harry hinter mir her gejagt? Der Brief muss eine Vermögen gekostet haben. Aber naja, Maliander ist ein großzügiger Herr, ohne Standesdünkel und immer für einen Spaß zu haben.
Harry löffelte bedächtig den Brei auf. Schaute immer mal zu mir hinüber und amüsierte sich wohl über mein Minenspiel.
Ich legte den Reisegruß von Maliander beiseite und zerbrach das Siegel des „duftenden" Briefes. Was ich dort las, mußte mein Minenspiel vollends aus der Rolle gebracht haben, denn Harry fragte: „Ist was? Was schreckliches?"


Lieber Bit, 
ich hab' dir versprochen, dass ich dir schreibe, wenn es Neuigkeiten gibt. Neuigkeiten gibt es, zwar keine großen...aber egal. Hier in Zollern herrscht große Aufbruchsstimmung - Ket, Artair und Willi reisen gen Ingolstadt. Da ich nicht genau weiß, was ich ohne die drei...nein, ohne die zwei, denn Artair kann ich nicht ausstehen - jedenfalls weiß ich nicht, was ich ohne die zwei machen sollte, also reise ich auch. Natürlich nicht in die gleiche Richtung! Ich besuche Rottweil, danach Rabi in Reutlingen.
Meine Schafe kommen natürlich mit mir.
Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten - ich habe heute ein Wundermittel gekauft, der Kerl sagte, dass es die Pest, Pocken und Bauchschmerzen heilt - ich habe auch nur 200 Taler dafür bezahlt! Willi sagt, es riecht nach Gänsekot, Schlamm und Met, doch ich finde, es riecht nach Wunder. Leider vertrage ich Wunder nicht sonderlich gut. Doch ich versuche nun, es mir in die Haare zu schmieren.
Ich hoffe, dir geht es gut und du bist schon wieder auf dem Weg nach Zollern.
Deine Jixx

„Nein, nur die kleine rothaarige, die in Zollern, ist einem Quacksalber und Beutelschneider aufgesessen. Der hat ihr einen Scheißdreck angedreht für eine Unsumme. Wenn ich den Kerl mal unter Finger bekommen sollte .... Den knüpf ich eigenhändig an den nächsten Baum auf und lade alle Krähen und Raben der Umgebung zu einem Festmahl ein.", sagte ich schnaubend.
Harry grinste und machte sich daran, sich und seine Kleidung zu säubern.
„Wart einen Augenblick.", sagte ich, „Ich antworte schnell und du kannst dann beide Botschaften mit auf den Weg nehmen."
Er nickte nur.
Ich begab mich auf die Pritsche, hievte ein Tischlein nach draußen und begann zunächst eine Antwort für Maliander zu schreiben.

Ich faltete und versiegelte den Bogen und reichte ihn Harry.
Dann begann ich den Brief an Jixx aufzusetzen.

Mittlerweile waren beide Pferde herangetrabt. Ich kannte meine Braune. Wenn sie ein Pferdeleckerchen haben wollte, trabte sie immer an. Der Hengst bedrängte sie zwar noch aber irgendwie schien es mir als habe er sein Müterchen abgekühlt. Harry schnappte ihn sich und warf die Packtasche über die Schulter. Ich gab ihm noch einen Kanten Brot und auch ein paar Münzen mit auf den Weg. Hatte der nicht erwähnt, dass Jixx ihm zehn Taler für den Botenritt gegeben hatte. Zu spät, mein lieber, höhnte eine innere Stimme hämisch.
Wir schüttelten uns lachend die Hände. Er stieg auf und galoppierte davon. Eine Weile winkte ich ihm noch hinterher, bis er aus meinem Gesichtsfeld verschwand.
Die vergehende Woche hatte es in sich, dachte ich. Dann machte ich mich daran alles weg zu räumen, kümmerte mich um die Braune, wobei ich mich fragte, was wird die wohl erlebt haben. Ganz gleich, ich gönnte es ihr.
Ich überlegte noch, ob ich den Tag in einer Kneipe abschließen solle, entschied mich aber dagegen. Meine Reisekasse würde mir an die Kehle gehen, wenn ich das täte. Beeindruckt von solch Brutalität  nutze ich das letzte Tageslicht und kramte in Tibors Hinterlassenschaft.
Mir fiel jenes Musikstück in die Hände, an dem ich mir beinahe sämtliche Finger gebrochen hätte.
Nun wurde mir klar, was Tibor damit ausdrücken wollte. Für jede, Seele, Gertraude, Eireann und Del hatte er eine eigene Variation komponiert. War es seine Komposition? Ich wusste es nicht. Gab es was Schöneres als so jemanden zu beschreiben, auszudrücken, wie derjenige auf ihn wirkte, wie er ihn wahrgenommen hatte.
Das Feuer brannte noch. Allmählich wurde es dunkel und ich spielte Tibors Komposition