Nicht lange blieb ihr, zu überlegen, ob sie die Reise nach Nürnberg antreten sollte. Doch musste sie dort hin, um wichtige Dokumente abzuholen.
Sie hatte alles versucht, dass man sie ihr zuschicken könnte. Aber man teilte ihr mit, dass so wichtige Unterlagen nicht verschickt werden können, sondern man müsse sie persönlich abholen. Nicht einmal ein guter Freund bekam diese Papiere ausgehändigt.
Schweren Herzens machte sie sich auf den Weg nach Nürnberg, ohne das sie noch Zeit hatte, sich einer Reisegruppe anzuschließen. Nachdem sie Tochter Lotta gut untergebracht hatte, verließ sie bei Nacht und Nebel Rottweil.
Zunächst war ihre Trauer und ihre Hoffnungslosigkeit so groß, dass sie sich nicht wirklich große Sorgen machte, dass man sie überfallen und ausrauben könnte. Selbst wenn man sie totschlagen würde, war ihr das ziemlich egal. Was hielt sie eigentlich noch am Leben? Außer Lotta ihre kleine Tochter, war ihr nichts mehr von dem Glück geblieben. Zuerst holte der Herrgott ihren geliebten Mann und kurz darauf, stand ihr Haus in Flammen, sodass ihr sechs Wochen alter Sohn auch noch ums Leben kam.
Oft sah sie darin keinen Sinn mehr, weiter zu leben. Doch das war sie es Valentina, ihrer Tochter schuldig. Sie wollte nicht feige sein und so einfach aus dem Leben weichen.
Sie trat diese Reise eher gezwungen an. Früher hatte sie immer eine große Freude daran, fremde Menschen und Städte kennenzulernen, doch heute interessierte sie sich für nichts und niemanden mehr.
Nicht wirklich bewusst nahm sie die letzten Tage wahr, ihr Körper funktionierte nur noch.
Als sie auf dem Rückweg von Nürnberg, heute am frühen Morgen, die Stadttore von Ansbach erreicht hatte, erinnerte sie sich an einen Herrn mit dem Namen Bit, den sie einst in einer Schänke in Rottweil getroffen hatte. Es war wohl der einzige, dessen Name ihr im Zusammenhang mit Ansbach einfiel.
Ein tiefer Seufzer, ließ sie ihren Erinnerungen folgen. Sie fand ihn damals amüsant und nett, auch wenn Gonhardt, wie es schien, ihn nicht wirklich mochte. Weil wir aus Rottweil waren und jener Herr Bit, sich nach unserem Herrn Tibor erkundigte, bemerkte ich, wie Gon, dieses Thema überhaupt nicht mochte. Streit hing in der Luft. Nur dem Umstand, dass wir uns damals auf der Hochzeitsreise befanden, war es zu verdanken, dass sich die Luft wieder aufklärte.
Waren es Gons Vorurteilen gegenüber Tibor und weil sich Bit nach ihm erkundigt hatte? Sie wusste es nicht. Sie hatte Tibor immer geschätzt und gemocht. Seine Art war sanftmütig und Tibor hatte immer ein offenes Ohr für sie.
Ob sie sich mit Bit auch gut verstehen würde, schoss es ihr durch den Kopf?
Ob sie ihn hier noch mal treffen würde? Gestern noch hatte sie in den Wirtshäusern und auf den Straßen gehört, das viele Räuber um Ansbach herum unterwegs sein. Die Überfälle häuften sich zurzeit. Erst jetzt, als ihr bewusst wurde, wie ernst es war alleine zu reisen, stieg in ihr die Angst auf. Dann erreichte sie in der späten Abendstunde noch eine Nachricht aus Rottweil, dass es Lotta nicht gut gehen würde und sie sehr vermisste.
Bei dem Gedanken an Lotta, liefen ihr unaufhaltsam Tränen über ihre Wangen.
Sollte sie Bit eine kurze Nachricht schicken und ihn um Hilfe bitten, sie nach Rottweil zurück zu begleiten? Ob er ihr das übel nehmen würde? Sie wusste nur, Tibor hätte es für sie sofort getan, so hilfsbereit wie er war.
Nachdenklich und das Gesicht von Bit vor ihren geistigen Auge, nahm sie ein Pergament und ihre Feder heraus. Was sollte sie ihn nur schreiben? In ihrem Kopf schwirrten nur noch ihre Gedanken, wie sie am schnellsten und am sichersten nachhause kommen würde. Ihre Hände waren eiskalt und zitterten. Nur mühevoll, brachte sie ein paar Zeilen, auf das Pergament.
Werter Herr Bit………
mir ist bewusst, dass sie erschrecken, wenn sie das Siegel brechen aber ich weiß mir keinen anderen Rat als mich an Sie zu wenden. Sie sind der einzige hier in Ansbach an den ich mich wenden kann, weil ich sonst niemanden hier kenne.
Mein Name ist Hexi. Vielleicht erinnern sie sich an das verliebte Paar, dass damals durch ihren Ort reiste, um sich ihn Nürnberg trauen zu lassen. Ich bin in Not. Allein hier in Ansbach gestrandet und hörte von schrecklichen Dingen, die in Rottweil geschehen seien.
Ich bitt Euch inniglich mir Beistand zu gewähren und mich umgehend nach Rottweil zu begleiten. Ich habe Euch als gutmütigen und großmütigen Herrn kennen gelernt und hoffe sehnlichst, dass ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe.
Helft einer armen, verängstigten Frau, bitte.
Hochachtungsvoll
Hexi de sel vanegra
Als sie ihren Namen darunter gesetzt und die Nachricht versiegelt hatte, rollte sie das Pergament zusammen, band ein Bändchen darum, schaute sich nach einen Boten um, der Bit das Pergament bringen könnte.
Noch im Gedanken versunken, lief sie durch die Stadt, bis sie endlich einen jungen Burschen fand, dem sie die Pergamentenrolle und ein paar Heller in die Hand drückte.
Dankend und mit einem breiten Grinsen, nahm er es an und verschwand in einer der Gassen. Erst jetzt bekam sie ein wenig schlechtes Gewissen, ob sie es richtig gemacht hatte? Sie kannte den Werter Herrn Bit nur flüchtig, nur ein paar Sätze hatten sie damals im Wirtshaus ausgetauscht. Sie wusste weder wer er wirklich war, noch was er für ein Mensch war. Nur der erste Eindruck, ließ ihr sagen, dass er ein umgänglicher Kerl sein musste.
Wie so oft in den letzten Wochen fühlte sie sich einsam und wieder spürte sie diese unendliche Traurigkeit in ihr. Wann hatte sie eigentlich das letzte mal gegessen? Hatte sie überhaupt Hunger? Außer unsagbarer Leere und Angst nahm ihr Körper nichts mehr wahr.
Sollte sie in eines der Wirtshäuser einkehren und vielleicht eine warme Suppe zu sich nehmen. Sie spürte dass sie fast am Ende ihrer Kräfte war. Sie hatte jedes mal, wenn sie in ein Wirtshaus einkehrte Bedenken, sie könnte dort auf ein verliebtes Pärchen treffen. Sie konnte und wollte diesen Anblick nicht ertragen. Alles was sie liebte, hatte man ihr genommen. Was muss sie nur für ein schrecklicher Mensch sein, das keiner ihr das Glück gönnte. Noch vor ein paar Wochen, war sie eine glückliche junge Frau, die geliebt wurde und selber liebte. Heute war sie gebrochen, traurig und kraftlos. Warum verlangte man nur von ihr, dass sie sich mit so einem Schicksal abfinden musste? Wieder hatte sie tausend Fragen, aber sie bekam wie immer nicht eine einzige Antwort darauf. War das Leben wirklich so ungerecht und gemein?
Als ob nicht alles schon schlimm genug wäre, jetzt noch diese Zumutung, das sie ihre Unterlagen aus Nürnberg persönlich abholen sollte und nun war auch noch Lotta krank. Was muss sie noch alles ertragen? Sie setze sich auf den Vorsprung eines Brunnens, der auf dem Marktplatz stand, zog sich ihren Umhang näher an ihren Körper heran, faltete ihre Hände zum Gebet und schloss ihre Augen.
Lieber Gott,
bitte hilf mir, hab erbarmen mit mir.
Ich werde alles tun, um mich weiter um Lotta zu kümmern, aber bitte sorgt dafür das ich heil in Rottweil ankomme.
Amen.
Gedankenversunken und den Kopf gesenkt saß sie da und versuchte sich ein wenig zu beruhigen.
Einmal hatte man und Gon und sie auf einer Reise überfallen. Der Schock saß ihr heute noch tief in den Knochen, wenn sie nur dran dachte.
Sie waren damals auf den Weg zur Schweiz. Es waren drei Räuber, wie wir damals an der Sprache erkannten, waren sie ausländische Herkunft. Sie hatten nicht ein einziges Wort verstehen können. Sie gaben freiwillig ihr Hab und Gut, um heil mit dem Leben weg zu kommen.
Wie sollte sie sich heute allein dagegen wehren, wo sie nicht mal mehr was hergeben konnte?
Seit Wochen hatte sie nicht mehr in ihrer Schneiderei gearbeitet, weil sie nicht fähig dazu war. Nahrung hatte sie auch kaum welche, weil sie so gut wie keinen Appetit hatte. Also was sollte sie ihnen freiwillig geben können?
Wie oft hatte sie schon gehört, wenn man ihnen nichts geben konnte, dass sie auch dann nicht davor zurückschreckten, sie sogar zu töten. Auch wenn sie sich in den letzten Wochen oft gewünscht hätte sie wäre bei Gon, aber jetzt wo es wirklich ernst so sein schien, hatte sie doch schreckliche Angst. Sie konnte sie noch dran erinnern, wie sie einmal Feenstaub, grün und blau geschlagen haben, wie lange sie brauchte um wieder genesen zu sein.
Sie hoffte und betete, dass der werte Herr Bit sie begleiten würde. Sie durfte keine Zeit mehr verlieren, sie musste so schnell wie möglich nach Rottweil zurück. Man schrieb ihr, das Lotta hohes Fieber und Krämpfe hatte. Sie wollte sie nicht auch noch verlieren. Ihr Gefühl sagte ihr, das nur sie Valentina helfen konnte. Sie hatte in ihrer Ausbildung als Hebamme, viel über die Kräuterkunde gelernt und es auch immer erfolgreich angewandt. Hoffentlich war Bit auch in der Stadt und würde ihr helfen. Sie würde ihm sein Hab und Gut geben, wenn er ihr diesen einen Gefallen tun würde.
