Erdmute
Erdmute sieht im Vorübergehen die Vorhänge in Bits Häuschen sich bewegen und eilt nach Hause. Dort hatte sie für ihn ein paar verstaubte alte Schriftrollen gefunden. Diese zusammengebündelt und mit einem kleinen Brief versehen, machte sie sich wieder auf den Weg zu Bits Häuschen. Dort vor der Türe stehend, fast zusammenbrechend unter der schweren Last, klopft sie erwartungsvoll an und hofft, dass ihr alsbald aufgemacht wird.
Bit
Ich war gerade von der Fahrt nach Rothenburg nach Hause gekommen. Etwas verärgert über dieses Hin und Her der Reisegruppe, ging ich in die gute Stube. Meine Sachen hatte ich auf dem Planwagen gelassen, weil ich mir unsicher darüber war, ob es denn in den frühen Morgenstunden weiter nach Eichstätt ging. Und der Grund, warum wir überhaupt nach Rothenburg gefahren waren, hatte sich noch am gestrigen Tag in Luft aufgelöst. Ich hockte mich auf meine Eckbank, streckte die Glieder aus, zog die Decken und ein Kissen zu mir, deckte mich zu und nickte auch prompt ein.
Es war nur ein leichter Halbschlaf. Mal war ich wach, dann nickte ich wieder ein. Mit einem Mal hörte ich ein Klopfen. Hmm, dachte ich, wer kann das denn sein? Ich erwartete niemanden, und nur die Mitfahrer hätten wissen können, dass ich wieder zu Hause war.
Ich rappelte mich hoch, hocherfreut darüber, dass Helene alles so hergerichtet hatte, dass ich jederzeit auch unerwarteten Besuch empfangen konnte. Mit wenigen Schritten ging ich zur Tür und öffnete sie. Ich sah Erdmute mit schwerer Last in den Armen vor meiner Tür stehen.
Ich war erstaunt und erfreut zugleich, dass ich Besuch von ihr bekam. Ich war auch ein wenig verwirrt, denn ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie je mein Gast gewesen war. Meiner Stimme war anzumerken, wie aufgeregt ich war, als ich sagte: „Welch eine freudige Überraschung! Herzlich willkommen, liebe Mute. Bitte, sei mein Gast und lass mich dir deine Last abnehmen.“
Erdmute
Erleichtert, den Weg mit den immer schwerer werdenden Pergamentrollen nicht umsonst gemacht zu haben, drückte ich sie Bit nach dem Öffnen der Tür sogleich in die Arme. Ich hatte meine Kräfte wohl überschätzt oder die Schwere der Schriftrollen beim Losgehen nicht wahrhaben wollen.
Etwas verlegen, da ich gänzlich aus der Puste war, versuchte auch ich Bit zu begrüßen, was sich eher wie ein peinliches „Ich grüße dich“ mit vielen tiefen Atemzügen dazwischen anhörte. Eine leichte Röte stieg mir ins Gesicht. 'Mute, was ist mit dir los?', schimpfte meine innere Stimme mit mir. Schon wieder war es da, dieses verwirrende Gefühl, welches mich gänzlich durcheinanderbrachte. Merklich um Fassung ringend, wies ich mich selbst zurecht. Ich versuchte die Situation mit den reichlich knappen Worten: „Die Schriftrollen! ... wir sprachen letztens im Wirtshaus darüber...“ zu entschärfen.
Bit
Lächelnd nahm ich ihr die Schriftrollen ab und stieß, weil es nicht anders ging, die Tür mit dem Absatz auf – schließlich hatte ich ja alle Hände voll. Ich bemerkte ihre Verlegenheit, überging sie aber geflissentlich und sagte in freundlichem Ton: „Bitte, folge mir rechts die kleine Diele hinunter und öffne mir bitte die Tür zu meiner Stube.“
Rückwärts bewegte ich mich in die Diele hinein, stieß dabei an den da immer noch rumstehenden Seesack, wäre fast gestolpert, ließ aber meinen Blick nicht von ihr. Die Überraschung, die sie mir mit ihrem Kommen bereitet hatte, war einfach zu überwältigend, als dass ich mich von ihr abwenden konnte. Dennoch tat ich es und ging die wenigen Schritte zur Stubentür voraus. Während ich ging, sagte ich in einem warmen Tonfall: „Ja, ich erinnere mich an den schönen Abend in der Schänke.“, und blieb vor der Tür stehen, aber so, dass noch genügend Platz für Mute war, um an mir vorbeizukommen. Ein Glück, dachte ich, dass ich mich unmittelbar nach der Fahrt noch frisch gemacht hatte und auch nicht mein gewöhnliches Chaos verbreitet hatte.
Erdmute
Zuerst folgte ich Bit, welcher sich rücklings ins Haus zurückbewegte. An einer Stelle kam er etwas ins Wanken, weil er wohl gegen etwas gestoßen war, das auf dem Boden im Wege stand. Ein wenig erschrocken blickte ich ihn für einen kurzen Moment an. 'Er wird mir doch jetzt nicht hier hinfallen wollen?', fuhr es mir mit Sorge um ihn durch den Kopf. Doch fing er sich sogleich wieder und drehte sich kurz, um vor einer Tür zum Stehen zu kommen.
Mit einem Lächeln bewegte ich mich an ihm vorbei, um ihm, wie er gebeten hatte, die Stubentüre zu öffnen. Auch ich trat einen Schritt zur Seite, um ihm erneut den Vortritt zu lassen, hatte er ja immer noch die schweren Schriftrollen in seinen Armen. Da ich heuer zum ersten Mal das Haus betrat, sah ich mich unauffällig um. Damals, bei seiner Ankunft in Ansbach, bat er mich, als er eine seiner ersten Reisen antrat, seine Blumen im Garten zu gießen. Doch weiter als in den Garten war ich während seiner Abwesenheit nie gekommen. Nun, da ich zwischen Diele und Stubentür stand, wurde mir bewusst, wie lange wir uns schon kannten, und doch hatten wir es nie zuvor gewagt, mehr voneinander zu erfahren, als es bis zur Haustür möglich war. Lag es daran, dass ich ein verheiratetes Weib war und nicht unnötig ins Gerede kommen wollte? Leicht den Kopf schüttelnd verwarf ich den Gedanken sogleich. Jetzt stand ich hier, was davor war, zählte nicht mehr. So langsam gewann ich meine Sicherheit zurück und antwortete ein wenig verträumt: „Ja, ein wunderschöner Abend war es in der Schänke!“
Doch plötzlich fiel mir ein, dass mein Zustand an diesem Abend womöglich nicht mehr sehr damenhaft gewesen sein könnte. Ich hatte wahrlich einen kleinen Schwips vom Bier. Wieder peinlich betreten, fragte ich vorsichtig: „Ich hoffe, ich habe mich nicht zu sehr blamiert? Dies wäre mir sehr peinlich und nicht recht, vor deinen Augen so gewesen zu sein.“ Ich hatte keine Ahnung mehr, ob ich mich sehr danebenbenommen hatte, da mein Zustand zeitweilig die Sinne verwirrte.
Helene
Der kleine Handkarren beförderte heute nicht nur Eimer, Putzlappen und andere Notwendigkeiten, er verbreitete einen wohlriechenden Duft, als ich ihn durch die Gassen zog. Schon gestern besorgte ich mir kleine Pflänzchen und auch einige größere. Die kleineren, damit sie wachsen und Bit erfreuen würden. Die größeren Pflanzen, damit er gleich von ihnen nehmen konnte und sich an den Wohlgerüchen im Garten und in der Küche erfreute.
Ich stellte den Karren neben der Türe ab. Heute hatte ich etwas mehr vor. Die Hand schon erhoben, um die Fingerknöchel gegen die Tür zu schlagen, hielt ich inne. Von drinnen kamen Stimmen. Bei Besuch wollte ich nicht eindringen. Der Boden hatte Zeit und die Sonne schien. Da konnte ich mich um die Pflanzen kümmern.
Helene
Möglichst leise versuchte ich, die Harke von dem Karren zu ziehen. Es hätte gelingen können, wäre der Eimer nicht gewesen. Dieser Eimer mochte mich nicht und rollte abermals scheppernd über den Boden. Wieder hechtete ich hinterher und verfing mich dabei in meinem Rock. Elegant und damenhaft fiel ich sicher nicht hin, aber ich fiel so, dass ich mich nicht verletzte. Selbst wenn ich anders gefallen wäre, hätte es auch nicht mehr als ein paar blaue Flecken gegeben, dafür war ich doch zu gut gepolstert. Zumindest hatte ich den Eimer wieder und erhob mich vom Boden, wobei ich mich auf Wehwehchen prüfte. Mehr als ein paar Schrammen hatte ich anscheinend wirklich nicht abbekommen.
Da meine Bluse die älteste war, die ich hatte finden können, machten die Dreckspuren nichts aus. Nur die Schnürung über dem Dekolleté war bei dem Fall leicht gerissen. Notdürftig verknotete ich alles und sah wieder sittsam, wenn auch nicht sauber, aus. Das Beet wurde bereitet und wegen der warmen Frühlingssonnenstrahlen erheiterte sich mein Gemüt recht schnell. Erst nach einiger Zeit kam ich wieder zu mir und wusch am Brunnen so gut es ging meinen Rock und die helle Bluse aus. Jetzt konnte ich mich wieder sehen lassen. Ein wenig Wasser reichte aus, um mein Wohlbefinden wiederherzustellen. Neben dem Brunnen stand eine hölzerne Bank. Ich setzte mich und schloss die Augen. Die Sonne auf dem Gesicht und eine leichte Brise meine Kleidung trocknend, träumte ich vor mich hin.
Bit
Mute öffnete die Tür. Ich ging hinein und versuchte, die Rollen auf dem Tisch vor der Eckbank abzulegen. Es waren wirklich viele und sie hatten ein enormes Gewicht. Da die Gardinen noch zugezogen waren und das Fenster nach Westen wies, lag ein mildes Licht in meiner Stube. Leider hatte ich die schöne Ordnung auf der Eckbank, die Helene hinterlassen hatte, unbewusst oder fahrlässig durcheinandergebracht. Die Rollen auf den Tisch zu legen und gleichzeitig die Decken zu richten... das konnte nur im Chaos enden. Vorsichtig legte ich die Rollen ab, darauf bedacht, dass sie nicht vom Tische kullerten, was mir auch gelang. Sodann ging ich hinter den Tisch, hob die Decken auf und versuchte sie so zu falten, wie es Helene getan hatte. Mehr oder weniger knüdelte ich sie aber nur zusammen und legte sie beiseite.
Dann drehte ich mich um und blickte zu Mute, die auf halbem Wege zum Tisch gekommen war. Ich lächelte und sagte in einem milden Tonfall, den ich selten von mir hörte: „Herzlich willkommen, liebe Freundin. Sei mein Gast.“ Um die Situation zu überspielen, weil ich aufgeregt war, wie ich es lange nicht war, fügte ich schnell hinzu und wies ihr einen Stuhl zu: „Bitte, nimm doch Platz. Darf ich dir ein erfrischendes Getränk bringen?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte ich hinaus. Wenig später – auf Helene war Verlass – kam ich mit einem Tablett, zwei Bechern und einer tönernen Karaffe voller süßem Holundersaft zurück. Ich drapierte es vor ihren Augen, schenkte ein und hockte mich ihr schräg gegenüber auf die Kante der Eckbank. „Schön, dass du mich besuchst. Ich freue mich schon aufs Stöbern in den Schriftrollen.“
Kaum, dass ich das sagte, hörte ich von draußen ein lautes Scheppern. „Entschuldige bitte, Mute. Ich schau mal kurz nach, was da draußen los ist.“ Schon schob ich die Gardine einen Spalt beiseite und konnte gerade noch sehen, wie Helene an der Schnürung ihres Dekolletés herumnestelte und sich anschickte, ein Stück Garten zu bearbeiten. Ich merkte, wie ich zu schmunzeln begann, ließ die Gardine los und drehte mich zu Mute um. „Es ist Helene, sie macht sich im Garten zu schaffen.“
Erdmute
Mit einem zustimmenden Nicken beobachtete ich Bit, als er anfing von Helene zu schwärmen. Ich kannte ihn schon lange genug, um zu sehen, dass er sie wohl mochte. Und ich konnte es ihm nachfühlen. Hatte ich Helene bei der ersten Begegnung doch gleichwohl für eine liebenswerte, freundliche Frau gehalten. Verwirrt empfand ich plötzlich eine Traurigkeit in mir, welche mir kurzzeitig einen ernsteren Gesichtsausdruck verlieh, als es zur augenscheinlichen Situation angemessen gewesen wäre. Doch fasste ich mich auch dieses Mal und führte den Becher zu meinen Lippen.
Den Becher wieder zurück auf dem Tisch abstellend, deutete ich auf die Schriftrollen und fing an, ihm zu erzählen: „Diese Schriftrollen fand ich in meinem Kellergewölbe. Ein Wunder, dass diese nicht vom Moder befallen sind. Aber vielleicht konnte ich sie noch rechtzeitig wiederfinden. Denn du musst wissen, sie lagen nicht immer dort.“
Etwas schuldbewusst blickte ich bei diesen Worten drein, war es mir doch sehr bewusst, wie schändlich es war, so mit solchen Wertstücken umzugehen. „Sie sind sehr alt... und müssen sich schon lange Zeiten in unserem Familienbesitz befinden. Dass sie heute noch existieren, lag einzig daran, dass diese der erstgeborenen Tochter beim Anfertigen der Aussteuerkiste dort zuunterst hineingelegt wurden. So wusste ich lange Zeit nichts von den Schätzen, welche all die Jahre in meinem Besitz sich befanden. Nach dem Umzug von Baden nach Ansbach prüfte ich das erste Mal diese Kiste auf ihren Bestand und fand diese Rollen, welche ich herausnahm und unbesehen im Gewölbe vom Mühlenkeller verstaute. Wollte ich doch Bettdecken und allerlei nützliche Dinge in die Kiste an deren Stelle packen.“
Wieder senkte ich voller Scham den Blick. „Erst vor kurzem fand ich die alten Schriften wieder.“ Als ich endete, suchte ich erneut seinen Blick und versuchte, ihm standzuhalten. 'Wird er mich nun für töricht halten?' Leiser sprach ich nun weiter: „Dass ich dir diese Schriftrollen nun vorbeibringe, ist einzig das Wissen darum, welche Freude es dir bereiten wird, diese anzuschauen und lesen zu dürfen. Denn ich bin dir sehr dankbar, dass du in meinen schlimmsten Zeiten einfach da warst.“ Ein aufrichtiges, warmes Lächeln schenkte ich nun Bit.
Bit
Gebannt lauschte ich ihren Worten. Sofort erinnerte ich mich an jene Begebenheit auf dem Gottesacker des Dorfes, wie sie damals, ich weiß nicht wie lange es her ist, von Trauer gebeugt am Familiengrab niederkniete und herzerbarmend weinte. Als ich erkannte, wer dort weinte, schnürte es mir die Kehle zu. Ich wollte sie trösten. Ob es so war, dessen bin ich mir seitdem nicht sicher.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf schossen, schaute ich abwechselnd auf die Schriftrollen und zu Mute. „Wunderschön“, hörte ich mich aufgewühlt sagen. „Ein Wunder, dass sie heil geblieben sind.“ Ich atmete tief und hörbar durch. Mir fiel auf, wie sich, während sie sprach, Verlegenheit in ihr Gesicht schlich. Als mir der Sinn und die Bedeutung ihrer letzten Worte klar wurden, war ich es, den Verlegenheit ergriff. Verlegen sagte ich: „Hab Dank, Mute, dass du mir erlaubst, diese betrachten zu dürfen.“
Habe ich sie vordem und damals nur mit den Augen eines guten Freundes gesehen, so merkte ich jetzt, wie sie mir mehr und mehr aus der Rolle einer schwesternhaften Freundin entglitt und zur Frau in voller Blüte wurde. Nur nebelhaft hörte ich sie plötzlich etwas von einer Reise, dem Planwagen und Reisevorbereitungen reden. Ich war so perplex von meinen Gedanken und ihrer Aura, dass ich übersprungshaft mehr stotterte als flüssig sprach: „Reise? ... Darf ich noch etwas zu trinken holen?“
Kaum, dass ich das sagte, vernahm ich das leise Knarren der Haustür. Helene... an sie hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ich merkte, wie mir das Blut ins Gesicht fuhr und ich verlegen hinzufügte: „Mute... ich glaube... ehm... Helene ist gerade zur Tür rein. Ich schau mal schnell nach... und hol uns dabei noch von dem Saft, ja?“ Fast platzend vor Neugierde und Ungeduld wartete ich auf Mutes Einverständnis.
Erdmute
Nochmals hob ich den Becher und wollte ihn zu meinen Lippen führen. Mit stillem Bedauern stellte ich fest, dass er leer war. Das Lächeln von Bit durchflutete mich warm und verwirrte mich gleichwohl. Unruhig wurde ich auf dem Stuhl, um alles in der Welt wollte ich nicht jetzt die Kontrolle verlieren. Ich griff versonnen nach einer Haarsträhne. 'Himmel, wusste dieser Mann denn nicht, wie sein Lächeln wirken kann?' Ich schüttelte unweigerlich den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Eben in diesem Moment fiel mir das scheppernde Geräusch von zuvor ein. Bit wollte doch in den Garten. „Reisen!“, sagte ich erleichtert darüber, wieder eine Ablenkung gefunden zu haben. „Wann wollen wir den Planwagen beladen? Und wann wird die Abfahrt sein?“ Mir war es gleich, ob es klug war, in diesem Gefühlschaos eine Reise zu planen. Ich wollte einfach nur Zeit gewinnen. „Ja, natürlich! Geh schon!“, versuchte ich ihn zu ermuntern, als er mich nochmals nach Getränken fragte.
Helene
Lustig blubberte es im Kessel und würziger Duft zog durch die Küche. Damit nicht das ganze Haus nach Essen roch, öffnete ich die Küchentüre und die Haustüre einen Spalt weit. Dabei fiel mein Blick auf den Wäschesack, der halb verborgen in der Ecke lehnte. Wie peinlich. Um Bit und mir selber weitere Peinlichkeiten zu ersparen, hievte ich den Wäschesack draußen auf den Handwagen und deckte ihn mit einer alten Decke zu.
Beruhigt, den Sack voll mit Peinlichkeiten aus dem Wege zu haben, ging ich wieder ins Haus und zog den Kessel von der Flamme. Am Rande würde alles heiß bleiben, aber nur langsam köcheln und gar werden. Ich bewaffnete mich mit einem großen Messer, das ich in der Küche gefunden hatte. Einiges musste man dem Herrn lassen, es war alles an Küchenutensilien da, was man benötigte. Ich schnitt Würfel von dem festen, mageren Fleisch und gab sie in die Suppe. Frisches Brot war da, und schmunzelnd stellte ich fest, dass die Arbeit mir wirklich Spaß machte.
Bit
Ich stand auf, nahm die leere Karaffe, schaute in Mutes strahlendes Gesicht und riss meinen Blick von ihr weg. Aus welchem Grund auch immer ging ich hinüber zum Eckschrank, wühlte wieder in der Schublade, bekam den Schlüssel von der Dachkammer zu fassen, zog die Hand etwas zu hastig heraus und verletzte mich an dem Hirschfänger, den ich vor einiger Zeit achtlos hineingeworfen hatte. In meiner Aufregung bemerkte ich nicht einmal die kleine Stichwunde. Im Grunde war ich froh, dem Blicke Mutes für wenige Momente entkommen zu können.
Mit dem Schlüssel in der Blutstropfen abgebenden linken Hand und der Karaffe in der rechten, stieß ich die Tür auf, die – nun ja, ich gebe es zu – nicht lautlos gegen die Wand knallte. Der Schreck tat mir gut und brachte mich auf den Boden der Realität zurück. Wenig später stand ich mitten in der kleinen Küche, wo ich Helene am Herde stehen und etwas umrühren sah, dem ein wahrlich appetitlicher Geruch entstieg. Ich war so überrascht, dass mir der Mund offen stehen blieb. Als mir bewusst wurde, welch merkwürdigen Anblick ich abgeben musste, klappte der Mund zu und ein Lachen stahl sich in mein Gesicht.
„Guten Tag Helene“, sagte ich. „Das riecht aber gut, was du da zubereitest. In der Stube habe ich einen Gast, vielleicht sollte ich sie dazu bewegen, zum Abendessen zu bleiben? Was meinst du? Es ist Mute.“
Helene
Mein Blick fiel auf die Karaffe in der einen und einen Schlüssel in der anderen Hand. Als ich den Blutstropfen gewahr wurde, reagierte ich mehr aus Reflex und praktischem Denken. Während ich ihm zuhörte, nahm ich ihm den Schlüssel ab und legte ihn auf die Arbeitsfläche. „Natürlich solltet ihr mit der Dame Erdmute zusammen speisen. Wenn ihr möchtet, richte ich alles für zwei Personen.“
Das Blut an der Hand fiel mir wieder ins Auge. Ich dachte nicht mal nach, als ich leicht meinen Rock anhob und einen schmalen Stoffstreifen von meinem weißen Unterrock abriss. Ich säuberte die Wunde und verband den Finger. „Das wird für die erste Zeit genügen.“ Verlegen blickte ich zur Seite und wurde rot. „Habt ihr einen Wunsch, wann das Essen gerichtet sein soll? Ich werde den Tisch eindecken. Habt keine Bange, sogleich danach werde ich mich zurückziehen.“
Bit
Wie selbstverständlich ließ ich Helene gewähren. Staunend schaute ich ihr zu. Helene gefiel mir, ich mochte sie vom ersten Augenblick an. „Helene, Helene...“, kam es mir heraus. „So soll es sein, aber nur unter der Bedingung, dass du dabei mit am Tische sitzt. Mute würde sich freuen. So hat sie gesagt.“
Wieder sah ich an ihr herunter und jetzt erst fiel mir auf, dass sie nicht gerade ihre beste Garderobe trug. „Hmm“, machte ich und mir fiel der Schlüssel auf. „So bist du nicht gerade für ein gemütliches Beisammensein angezogen. Heureka! Da oben auf dem Dachboden habe ich noch Sachen, die Magdalena zu groß waren. Komm, wir gehen nach oben.“
Helene
Ich wartete, bis er wieder sicher unten war und schloss dann die Falltüre. Erst jetzt öffnete ich die Truhe. Ein hübsches hellblaues Kleid fand ich, dazu weiße Strümpfe und braune Schuhe. Schamrot im Gesicht legte ich meine Kleidung ab und zog mir das Kleid über den Kopf. Die Schuhe passten mir, als wären sie für mich gemacht worden. Noch den Schal um den Hals gelegt, und ich sah das Unheil. Das Kleid schloss vorne zwar, aber es war immer noch unschicklich geöffnet. Flugs wurde der Schal mit einem feschen Knoten gebunden, dass keiner mehr etwas sehen konnte, was er nicht sehen sollte. Möglichst leise öffnete ich die Falltüre und ging hinunter in die Küche.
Erdmute
Bit kehrte mit einer Gitarre und der vollen Karaffe zurück. Ich erwiderte freundlich den Gruß von Helene, welche kurz darauf beladen mit den Speisen an den Tisch trat. „Guten Abend, Fräulein Helene. Aber sicher dürft ihr hier eindecken. Eure Speise duftet aber lecker“, lobte ich. Da ich vermutete, dass sogleich die Speisen aufgetragen würden, nahm ich vorsichtshalber die Schriftrollen wieder an mich. Beladen mit diesen fragte ich vorsichtig zu Bit gewandt: „Bit... darf ich diese in das Zimmer nebenan legen? Speisen können wir gemeinsam besser am freien Esstisch.“
Bit schritt voran und ich folgte ihm auf halbem Weg in den nächsten Raum. Wie vorsichtig und behutsam er mit meinen Schriftrollen umging, beeindruckte mich, und fasziniert schaute ich ihm bei dieser Handlung zu. Ich muss wohl bei dem Anblick ein wenig ins Träumen geraten sein, aus welchem mich ein jäher Anrempler von Bit wieder riss. Erschrocken über den unverhofften Körperkontakt schnappte ich kurz nach Luft. Die Entschuldigung von Bit kam sogleich und ließ keine Missverständnisse aufkommen. Das Herz noch wild klopfend, rief ich mich wieder innerlich zur Ordnung.
Helene
Bit und die Dame Erdmute mit ihren Schriftrollen mal machen lassend, deckte ich den Tisch. Vorsichtig schielte ich um die Ecke und sah, dass Bit und die Dame Erdmute noch damit beschäftigt waren, die Rollen in den Schrank zu legen. Ich huschte zur Eckbank und nahm die Tischdecke heraus. Sie war wunderschön und filigran gestickt. Erst jetzt konnte ich die Tischdecke aufziehen und schnellstmöglich wieder auftafeln. Hektisch sah ich mich um. Wie sollte ich den Eintopf servieren? Da! Die hölzerne Obstschale war genau richtig. In Eile kippte ich die Schale um, wischte sie mit einem feuchten Tuch aus und schöpfte den Gemüseeintopf hinein. Überraschenderweise passte die Obstschale sogar zu dem Geschirr auf dem Tisch. Etwas peinlich berührt servierte ich die einfache Speise. „Es wäre angerichtet“, sagte ich schüchtern und blieb so stehen. Es geziemte sich nicht, sich vor den edlen Damen und Herren zu setzen.
Bit
Ich ließ Mute galant den Vortritt und folgte sogleich hinterher. Der Tisch war nahezu feierlich und fürstlich gedeckt. Perfekt, dachte ich. Helene hat ein Händchen dafür. Ich wies Mute den Stuhl an, bat Helene, ebenfalls Platz zu nehmen, und setzte mich selbst auf die Sitzbank. Nachdem wir Platz genommen hatten, erhob ich mich, reichte meine Rechte zu Mute und die Linke über den Tisch zu Helene. Sodann sprach ich leise, aber mit gefasster Stimme ein kleines Tischgebet. Das Servieren konnte beginnen.
Helene
Da ich noch stand, musste ich mich nicht erst zum Tischgebet erheben. Es war normal, sich zum Tischgebet die Hände zu reichen, doch die Hand von Bit gab mir Wärme, Halt und Zuversicht. Ich nahm die Teller entgegen und war nicht geizig im Auftun. Die Karaffe in der Hand, schenkte ich zuerst dem Gast ein und dann dem Hausherrn. Als ich mich setzte, merkte ich etwas Feuchtes an meinem Bauch. Der Schal, so schön und doch ein Verhängnis! Schnell zog ich den Schal von den Schultern, faltete ihn zusammen und legte ihn beiseite. Die Schnürung war nicht ganz zu! Hastig griff ich nach der Serviette und gab dem Becher einen kleinen Schubs. Zum Glück konnte ich im letzten Moment noch zugreifen. Die Serviette entfaltend, hielt ich die Augen starr darauf gerichtet und steckte sie mir oben in das Kleid. Verschämt sagte ich: „Guten Appetit.“
Erdmute
Natürlich beobachtete ich weiterhin die Anwesenden im Raum. Versuchte das Zusammenspiel zu ergründen. Da wieder ein Lächeln von Bits Seite, welches nicht mir galt. Und hier sah ich das erste Mal ein zaghaftes Lächeln von dem Fräulein Helene in Richtung ihres Brotgebers. Meine Gefühle tobten wie der schlimmste Sturm. Es gab mir einen Stich ins Herz, doch versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen. Ich löffelte konzentriert meine Suppe. Haltung bewahren hieß es jetzt. Um das Missgeschick von Helene abzumildern, steckte auch ich mir kurzerhand eine Serviette an. 'Was machst du dir Hoffnungen, du dummes Weib?', wies ich mich in Gedanken zurecht. Ich beschloss, falls Bit dieses Weib erwählen sollte, ihr zu raten, ein gutes Weib für ihn zu sein. Zu sehr lag mir das Wohl des Freundes am Herzen.
Helene
Noch schwelgte ich in der Ekstase der Süßspeise, die ich zum Abschluss serviert hatte, als etwas sehr unsanft gegen meine Füße stieß. Ich sprang erschrocken auf und laut knallte der Stuhl auf den Boden. Vor lauter Schreck verschluckte ich mich auch noch am Apfel und verfiel in einen Hustenanfall. „Entschuldigt bitte... ich weiß nicht... Entschuldigung“, kam es heiser von mir. Zitternd spülte ich den Schreck mit einem Schluck aus dem Becher herunter. „Ist es recht, wenn ich abtrage?“
Bit
Wieder war es an mir, den Rest des Abends zu retten. Ich hätte nicht gedacht, dass Helene so schreckhaft war. Ich hatte mich doch nur behaglich unter dem Tisch ausgestreckt! „Helene“, rief ich lachend, „was habt ihr? Ist euch etwa eine Maus über den Fuß gelaufen?“
Kurz darauf schickte ich sie auf den Dachboden, um einen Weinschlauch und frische Kerzen zu holen. Als sie zurückkehrte, schenkte ich ein. „Auf die Zukunft“, sagte ich beim Anstoßen, „und möge uns der Herr noch weitere solch schöne Abende bescheren.“ Daraufhin griff ich zur Gitarre und spielte jenes Lied, das mir viel bedeutete und mich dorthin zog, wo ich schon einmal war.
Erdmute
Die Stimmung der Melodei, welche Bit aufspielte, weckte Fernweh in mir. Ich wollte diese Träume schon immer mit meinem inzwischen seit Monaten vermissten Gatten verwirklichen. Traurig wurde mir zumute. Unbewusst blickte ich von Helene zu Bit und wieder zurück. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr zugehörig in dieser Runde und wollte nur noch weg, hinaus in die Nacht. Als Bit endete, bedankte ich mich und verabschiedete mich freundlich. Als ich zur Tür hinausging, hielt ich ein kleines Spitzentaschentüchlein in meinen Händen. Auf ihm waren die Initialen E & E eingestickt. Ich ließ es zurück, wohl wissend, dass ich Bit alsbald wieder aufsuchen würde.
Bit
Mit gemischten, aber guten Gefühlen entließ ich beide. Mute gab ich einen angedeuteten Handkuss. Kurz darauf trat auch Helene verlegen aus der Küche mit den Worten: „Danke für alles.“ Ich war so gerührt, dass ich unfähig war, meinen Gefühlen zu folgen. „Dankeschön, Helene. Ihr habt den Abend gut gestaltet. Kommt gut ins Huesy und habt eine gute Nacht.“ Wie lange ich noch im offenen Türrahmen stand und ihnen nachsah, weiß ich nicht mehr.