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Zu Eichstätt im Oktober 1459


Bit hatte sich mal überlegt zum Angeln nach Eichstätt zu fahren. In seinem Geleit hatte er seine Braune und einen mit einer Plane überspannten Wagen dabei. An einer Seite des Karrens hatte er ein Boot vertäut und am hinteren Ende eine riesige Tonne.
Bit hockte vorn über gebeugt auf dem Kutschbock, schaute ab und zu nach hinten unter die Plane und lächelte. 
Voll in wärmende Decken eingewickelt, schlummerte Claire vor sich hin. Spontan, wie sie war, hatte sie ja gesagt als er fragte, ob sie auf'ne Angelpartie Lust hätte.
Der Wagen rumpelte und schaukelte auf dem Weg nach Eichstätt und Bit verfiel in einen leichten Halbschlaf. Die Braune kannte den Weg und brauchte nicht geführt werden.
Es war gegen Mittag als sie ohne Schwierigkeiten in Eichstätt ankamen. Die Torwachen schmunzelten als sie die schlafende Sanclaire erblickten und ließen Bit passieren.
Bit lenkte das Gefährt hinaus zum See an dem Eichstätt lag, suchte einen Rastplatz an einem grünen Uferstreifen, befreite das Pferd aus seinen Seilen und legte sich ebenfalls, vor lauter Müdigkeit auf die Pritsche des Karrens.
Er wachte auf, versuchte sich zu erinnern, wo er war, stemmte sich auf und blickte zur immer noch schlafenden Claire. Innerlich lachend, erinnerte er sich an den vergangenen Abend. Hatten sie beide wirklich soviel getrunken, dass Claire wie besinnungslos auf der Pritsche lag. Leise schlich er sich von der Pritsche, zog sich am Ufer des Sees aus und stürzte sich kurz in das Wasser.
Blitzblank und völlig klar fühlte er sich als er sich ankleidete und in den Ort schlenderte. Claire würde ihn schon finden, dachte er noch als der Karren außer Sichtweite war.
Gegen Nachmittag war er zurück, lugte in den Wagen aber von Claire war nichts zu sehen. Gelassen zuckte er mit den Schultern, schnappte sich das Boot, belud es mit Eimern, einer Angel, mit Decken und einer Laterne.
Es war ein sonniger freundlicher Sonnentag und vergnügt paddelte er auf den See hinaus, warf die Angel aus und einen an einem Seil befestigten Stein ins Wasser.
Das das Seil straff blieb,  verwunderte  ihn ein wenig . Muss wohl sehr tief hier sein, dass der Stein nicht zum Grund fiel, dachte er noch als ihn schon Müdigkeit überfiel.
Er machte es sich im Boot gemütlich, deckte sich zu, hing seinen Gedanken nach und schlief prompt ein.
Als er wach wurde, von was auch immer, war es bereits dunkel. Fix zündete er die Laterne an und konnte sehen, dass die Angelschnur sich straff hin und her bewegte. Hihi, dachte er, wie lange der wohl schon am Haken hing und zog einen mittelprächtigen Karpfen aus dem Wasser. Er befreite ihm vom Haken und schmiss ihn in einen der Eimer, den er halbvoll mit Wasser füllte. Die Laterne befestigte er an einen Stock und den Stock so am Boot, dass die Laterne ein wenig über dem Wasser schwebte. Dann schmiss er einiges, von dem übel stinkenden Köder, den er auf dem Markt billig erstanden hatte auf die beleuchtete Wasseroberfläche. Das die so was mögen, dachte er noch als sich auch schon unterschiedlichste Fische im Lichtschein tummelte. Jetzt brauchte er nur noch seinen Kecher nehmen, um den Rahm abzuschöpfen. Nach geraumer Weile und als sämtlicher Köder im Wasser bzw. in den Mäulern der Fische verschwunden war, hatten sich seine Eimer gut gefüllt. Er holte Stein, Angel und Laterne ein und löschte sie.
Nachdem sich seine Augen an die spärlich, durch einen Halbmond beleuchtete Dunkelheit gewöhnt hatten, stellte er mit Erstaunen fest, dass er nicht mehr wusste in welche Richtung er zu rudern hatte, um zu seinem Wagen zu kommen.
Er schaute umher und entdeckt ein Licht, das nicht allzu weit entfernt war und so beschloss er drauf zu zu halten.
Je näher er dem Licht kam umso deutlicher nahm er die Konturen war und bemerkte, dass es eine Insel war auf die er zusteuerte.
„Egal“, murmelte er, „Hauptsache es brennt Licht. Werde ich schon jemand finden, den ich nach der Richtung fragen kann.“
Fleißig ruderte er drauf los, erreichte einen sandigen Strand der Insel, befestigte das Boot, damit es nicht abtrieb und hielt auf ein offnes Feuer zu. Das Feuer war von Bäumen umgeben, zwischen denen einige Matten aufgehängt waren.
In einer der Matten lümmelte sich ein Weib, das zu dösen schien. Er ging, sie nicht allzu laut grüßend drauf zu. Stotternd und überrascht zugleich rief er: „Diana, Diana bist du es wirklich?“
Die Frau fuhr hoch. Die Matte wackelte bedenklich. Sie rief laut und mit freudiger Stimme seinen Namen aus und fiel fast aus der Matte. Bit fing sie auf und beide landeten lachend im Sand.
Das war ein Willkommen so ganz nach seinem Geschmack. Zwei Jahre war es ungefähr her als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Er hockte sich ans Feuer. Diana begab sich wieder in eine der Matten und beide plauderten munter drauf los.

Diana bot Bit an, doch bei Erwin zu nächtigen. Worauf Bit mit gespielter Entrüstung sagte: „Ich? Ich bei einem Kerl nächtigen, nee, meine liebe. Ich nicht.“
Beide prusteten lachend los als Diana ihn aufklärte, dass es sich nicht um einen Kerl handelte sondern um eine Herberge handelte. 

Nach geraumer Weile gesellte sich Claire zu ihnen und nach anfänglicher Scheu, beteiligte sie sich auch an der lustigen Plauderei. Als sich dann noch Blanche, Dianas Bruder Bara und Blanches Mann Maxi einfanden wurde der Abend immer lustiger und angenehmer.
Es stellte sich heraus, dass Blanche die Eigentümerin der Herberge zum Erwin war und sie überreichte Claire und ihm je einen Kammerschlüssel mit den Nummern zwei und drei.
Mit Freude bemerkte Bit, dass Claire sich mit Diana und Blanche gut verstand, was darin gipfelte, dass er von den dreien so geneckt wurde, dass er Bara um Hilfe bat.
Rundum, es war einer jener so absolut schönen Abende, die nicht so schnell in Vergessenheit geraten konnten.
Spät am Abend oder war es schon nach Mitternacht verabschiedete er sich lachend von allen. Claire wollte noch bleiben und so ruderte er allein in die Richtung, die Diana und Blanche ihm nahegelegt hatten.
Beide hatten recht. Er fand seinen Wagen, leerte alle Eimer in das große Fass am Wagen und machte sich auf zum Erwin.
Hündemüde betrat er die Kammer mit der Nummer drei, entkleidete sich achtlos, warf sich aufs Bett und schlief sofort tief und fest ein.
...
Bit wachte mit den Hähnen auf, die immer zur unpassenden Zeit ein fürchterlich lautes Geschrei anfangen mussten. Am liebsten würde er diesen Radaubüchsen die Hälse umdrehen, sie aufspießen und knusprig grillen. Mürrisch richtete er sich auf als auch noch diese blöden Dorfköter in den Chor der Hähne mit lautem Kläffen und Gebell einfielen.

Das war nicht zu ertragen. Er stand vollends auf, ging rüber zur Waschkommode und säuberte sich gründlich. Die Seife, die er vorfand duftete nach einer Gegend, die er im Sommer vor einem Jahr durchwandert war. Es gab dort Felder mit lila blühenden Pflanzen, die diesen Duft ausströmten.
Als er mit dem Waschen fertig war, suchte er nach seinen Sachen, die er in der ganzen Kammer verstreut hatten. Das dauerte eine Weile, weil er den zweiten Schuh nach längerer Sucherei unterm Bette fand.
Er trat auf die Diele hinaus, unterließ es aber in die Kammer mit der Nummer zwei zu blicken, weil Türen und Dielen laut knarrten.
Leise stieg er die Treppe hinunter, die in den Schankraum führte. Er setzte sich an den Tisch und hoffte, dass schon jemand auf Beinen war, der ihm ein leckeres Frühstück zubereiten konnte. In Gedanken sah er sich schon über zwei Spiegeleier mit Speck und deftigem Brot hermachend.

Blanche war früh am Morgen ins Erwin gegangen, um vor ihren Pflichten als Bürgermeisterin die Gäste in ihrem Haus zu versorgen. Noch war alles still und so machte sie sich still summend daran, die Tische zu decken für all ihre Gäste und in der Küche ein schönes Frühstück herzurichten, schließlich sollte es ihren Gästen an nichts fehlen.

Gerade war sie in der Küche daran, das Rührei zuzubereiten, als sie im Schankraum Stühlerücken vernahm. Schnell eilte sie in selbigen, um den Gast zu begrüßen. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.
Guten Morgen Bit, ich hoffe du hast gut geschlafen? Was möchtest du denn frühstücken?

Bit wendete seinen Kopf als er eine ihm bekannte Stimme vernahm und blickte Blanche mit seinen blaugrauen aber noch verschlafenen Augen an. Ein Lächeln kehrte in sein Gesicht und er begrüßte sie mit einem freundlichen, Guten Morgen.
Er begann zu schmunzeln und es war offensichtlich in seinem Gesicht zu erkennen, dass ihm der Schalk mal wieder im Nacken saß.
„Oh, werteste“, schüttelte dabei sacht mit seinem Kopf, „ich weiß nicht, wer heller strahlt, du oder die aufgehende Sonne.“ Sein Gesicht gab dabei ein schelmenhaftes Lächeln von sich.
„Aber ja, Blanche, ich habe Hunger, wie ein Wolf, der lange keine Beute gemacht hat.
Hmm, ich hätte einen Riesenappetit auf zwei knusprige Spiegeleier, die auf eben solch knusprigen Speckstreifen gebettet sind. Dazu eine herzhafte Scheibe duftendes Brot und kühle Milch zum Trinken. Hmm, das wäre was feines für Mutters Sohn.“
Bei seinen letzten Worten konnte er nur mühsam ein herzhaftes Lachen unterdrücken und kicherte nur.
...


Langsam erwachte sie aus ihrem komatösen Schlaf und reckte die leicht steifen Glieder.
Die vergangenen Tage waren ereignisreich und turbulent und hatten sie doch mehr mitgenommen, als sie zugeben wollte.
Mit einer Wolldecke bis zur Nase gezogen schaute sie an die Decke der Kammer und gönnte sich noch einen Moment in der schützenden Wärme des Bettes.
Kein Wunder, dass Bit „versehentlich“ den falschen Schlüssel nahm, dachte sie war dieses Bett doch soviel gemütlicher. Vielleicht liegt es aber auch genau daran, dass er die vergangene Nacht hier verbrachte,
überlegte sie in sich hinein schmunzelnd

Ja, Bit, war sie mit ihm spontan zu dieser Reise aufgebrochen und das ohne, dass sie sich wirklich kannten. Ihre Ma vertraute ihm, sie waren alte Freunde, soweit sie dies einschätzen konnte. Also konnte sie wohl auch über ihren misstrauischen Schatten springen.

Die vergangenen Tage Revue passieren lassend, erinnert sie sich gern an ihr erstes Treffen, an die Reise mit der Braunen und die ersten netten Bekanntschaften in Eich. Wie Diana ihr zeigte, wertvollen Besitz anzuschaffen und wie sie selbst nun ihr gehörte oder wie sie Blanche und ihren Mann kennen lernte, war sie es doch, die sie hier so freundlich aufnahm.

Seit dem Ende ihres monatelangen Klosteraufenthalts war eine Menge passiert. Gutes und weniger Gutes.
Bevor die Grübelei jedoch wieder die dunklen Gedanken des vergangenen Abends hervorbrachte, schüttelt sie den Kopf und entschied sich den Tag zu beginnen.

Schwungvoll warf sie die Decke davon und sprang aus dem Bett, dass es gefährlich knackste.
Sie warf einen zweifelnden Blick nach hinten, zuckte dann die Schulter und strahlte der durch das Fenster hereinfallenden goldenen Sonne entgegen. Von dieser geblendet, versuchte sie mit einem Blinzeln die Konturen Eichstätts auszumachen und lächelte zufrieden.
Ja, es gefiel ihr hier, trotz der immer wiederkehrenden leichten Zweifel, dass sie ausgerechnet im falschen Moment eine Reise unternahm.
Ihre Gedanken unterbrechend meldet sich ihr Bauch mit einem ungeduldigen Grummeln.
Nein, das muss warten, sie wollte hinaus und die Stadt erkunden. Heute würde sie sich erst spät den Leiden des Alltags widmen. Vor der Arbeit wollte sie sich die Beine vertreten, vielleicht findet sie das Badehaus, wovon ihr berichtet wurde.

Nachdem sie für den Tag bereit war, stieg sie gut gelaunt die Treppe hinunter um unten grinsend auf Bit zu treffen, der bereits am frühen Morgen seiner Lieblingsbeschäftigung nachging. Den Schalk konnte sogar ein Blinder sehen.
„Guten Morgen, gut geschlafen?“

...
Bit wartete ungeduldig auf die Spiegeleier mit Speck und Brot als er ein Zwitschern hörte, an das er sich fast schon gewöhnt hatte. Die letzten Abende in Ansbach und der Empfang hier in Eichstätt waren einfach überwältigend gewesen. Ein Schmunzeln legte sich in sein Gesicht als er an dieses seltsame Spiel mit Locke abschneiden und so, dachte. Ihm war zwar nicht klar, was es zu bedeuten hatte aber er machte sich darüber auch keine grauen Haare.
Dann schaute er in die Richtung aus der die Töne kamen. Es war ihm anzusehen, dass er sich freute, Claire zu erblicken. Er erhob und verbeugte sich, rückte an seinem Tisch einen Stuhl zurecht und sagte mit schelmischen Unterton in der Stimme: „Guten Morgen, wertes Fräulein. Habt ihr gut schlafen und angenehm geträumt?“ und zwinkerte dabei.
Dann fuhr er im Tonfalle eines Dieners fort: „Nehmt bitte an diesem Tische Platz. Was darf ich euch zum Frühstück bestellen? Warme Milch mit Honig oder einen heißen Tee?“, er schüttelte sich bei dem Gedanken an Tee, „Vielleicht auch knusprigen Speck mit Spiegelei auf nahrhaftem Brot?“
Er machte eine einladende Geste zum Stuhle hin.