Zögerlich stand San vor dem Häuschen, als die Erinnerung an den ersten gemeinsamen Abend sie schmunzeln ließ. Hatte er ihr nicht bereits nach wenigen Stunden angeboten bei ihm einzuziehen. Dieser Aufforderung, oder war es gar ein Wunsch, war sie nicht nachgekommen und so war sie heut zum ersten Mal hier. Auch der Kinder hatte sie sich nicht angenommen, wie sie es ihm eigentlich zugesagt hatte. Stattdessen trieb sie sich in der Welt herum. Aber wer, wenn nicht er, würde dies verstehen. Dennoch war ihr Schmunzeln bei diesen Gedanken verschwunden. Sie war keine gute Freundin und würde es wohl nie sein. Unsicher biss sie sich auf die Unterlippe und starrt auf das kleine Häuschen. Vermutlich war er sowieso nicht zu Haus, ging er sicher seinem Tagewerk nach. Den Blick auf die Tür gerichtet, als könnte sie durch das Holz blicken und erkennen, was sich dahinter abspielt stand sie inmitten der zum Markt ziehenden Bewohner und Gäste Ansbachs.
Ich war oben in meiner Dachkammer, den so nannte ich inzwischen meinen Dachboden, denn ich hatte ihn gründlich umgebaut und eingerichtet. Er war mir mittlerweile zum Refugium geworden. Von hier aus hatte ich einen guten Überblick über den Markt und konnte das Geschehen dort beobachten. Manchmal stand ich da lange Zeit am Fenster und ließ mich von der Atmosphäre einfangen, wenn ich über den Marktplatz blickte. So auch heute.
Ich blickte zufällig auf eine kleine Ansammlung von Leuten, die nicht weit entfernt von meinem Häuschen am Rande des Marktes standen.
Mir fiel sofort der Blondschopf auf, der ab und zu für recht lange Zeit scheinbar zu meiner Haustür blickte. War das nicht Claire, fragte ich mich. Leider war es schon dämmrig und ich hatte Mühe das Gesicht zu erkennen. Von der Gestalt her, war sie das. Davon war ich überzeugt.
Ich ging also hinunter. Nie war sie mein Gast gewesen. Nun, sollte sie es werden, beschloss ich.
Ich öffnete die Tür und die hereindringende Kälte ließ mich schaudern. Ich blickte hinüber zu der Gruppe und rief nicht allzu laut: „Claire, Claire bist du es?“
Für einen Moment abgelenkt durch den Trubel um sie herum, bemerkt sie nicht, wie er die Tür öffnet. Das Rufen ihres Namens, auch wenn es ungewohnt ist ‚Claire’ in dieser Lautstärke zu hören, richtet sogleich ihre Aufmerksamkeit auf selbige. Ein zaghaftes Lächeln zeigt sich auf ihren Lippen und mit vorsichtigen Schritten bahnt sie sich den Weg zur kleinen Hütten, darauf bedacht niemanden umzurempeln. Zweifelnd mustert sie sein Gesicht, wobei sie unruhig von einem Bein aufs andere tritt Störe ich? Sicher stört sie, wieso hatte sie nur nicht vorher daran gedacht. Hatte er nicht von einer Reise gesprochen? Vermutlich war er längst mit den Vorbereitungen hierfür beschäftigt und nun stiehlt sie ihm noch die so wichtige Zeit vor seiner Abreise. Ich kann auch später wiederkommen. Und schon ist sie im Begriff sich abzuwenden, sich innerlich selbst verfluchend über ihre eigene Dummheit.
Zuerst kam Claire auf mich zu, dann zögerte sie kaum merklich, dann sagte sie was von stören und später wiederkommen. Ich war, gelinde ausgedrückt, etwas sprachlos. Gerade als sie mir den Rücken zukehren wollte, rief ich: "Nein, nein, du störst nicht. Ich habe mir soeben einen leckeren Früchtetee aufgebrüht. Komm bitte herein und sei mein Gast." Mit einer unmißverständlichen Geste, deute ich ins Haus hinein und lächelte sie aufmunternd und aufheiternd an.
Bei seinen Worten wendet sie sich ihm wieder zu, nagt noch immer etwas an ihrer Unterlippe. Bist du sicher? Ohne eine Antwort abzuwarten geht sie auf ihn zu, ungewohnt schüchtern lächelt sie ihm zu und küsst seine Wange zur Begrüßung. Tee klingt prima. So langsam war sie doch schon ordentlich durchgefroren. Mit neugieriger Miene nimmt sie seine Einladung an, geht ins Innere der Hütte und schaut sich interessiert um.
Claire kam auf mich zu und drückte mir, ich war deswegen etwas, na wie soll ich sagen, überrascht, ein Begrüssungsküßchen auf die Wange. Kurz nur und sehr freundschaftlich, drückte ich sie auch. Ich schloß hinter uns beiden die Tür und wies ihr den Weg, durch den Flur in die gute Stube, wo im Kamin ein warmes Feuerchen brannte. Ich wies auf einen Platz auf der Eckbank, recht nahe dem Kamin: "Nimm dort bitte Platz, ich hole nur schnell den Tee und ein paar Becher."
Mit ihren Augen folgt sie seiner Hand, die auf den wohl wärmsten Platz in der Stube wies. Nur all zu gern ließ sie sich dort nieder und streckt für einen Moment die Beine von sich. Langsam kriecht ihr die wohlige Wärme die Glieder empor, was sie zufrieden seufzen lässt. Eigentlich sollte sie ihm ihre Hilfe anbieten, doch wurde es soeben so angenehm mollig. „Schön hast du es hier“ ruft sie ihm hinterher „Und so gemütlich.“ Ihre Unsicherheit verflüchtigt sich genauso schnell wie das Kältebibbern von ihren Lippen weicht. Mit einem leichten Schmunzeln „Ich weiß gar nicht, wieso ich nicht längst hier war. Vermutlich, weil du mich nicht hartnäckig genug eingeladen hast oder?“. Ihr Blick wandert übers Inventar, wieder hin zum wärmenden Feuer. „Vielleicht sollte ich doch hier einziehen“ kommts scherzhaft.
Im Hinausgehen hörte ich noch, wie Claire mehr murmelte als laut aussprach. Mir drängte sich ein Lächeln ins Gesicht. So kannte ich sie, witzig, ein wenig frech, spitzbübisch herausfordernd und nicht umsonst oder auch gerade deswegen, fand und finde ich sie einfach goldig. Schmunzelnd ging ich in die Küche holte den Tee, zwei Becher und schnitt, knusprige Scheiben vom Brot ab, dass ich recht frisch auf dem Markt besorgt hatte. Mit einem Tablett kam ich zurück, bestellte den Tisch, goß ihr ein und sagte: "Freut mich, dass du hier bist. Nimm von allem und lasse es dir schmecken. Wenn du aufgewärmt bist, zeige ich dir gerne mein kleines Reich" Ich setzte mich neben sie aber im züchtigen Abstand.
Fröhlich zappeln Sans Zehen in den mittlerweile warm gewordenen Stiefeln, als er zurück kehrt beladen mit Tee und Brot. Bei dem Anblick strahlt sie, war es jetzt genau das Richtige. Vorsichtig nimmt sie den warmen Becher in ihre Hände und pustet leicht über den Rand hinein. Ihre Augen blitzen keck, als sie ihn beobachtet wie er in einem gebührenden Abstand zu ihr Platz nimmt. Testend nippt sie am inzwischen nicht mehr heißen Tee. „Ist denn aufgeräumt und dein Reich vorzeigbar?“ eine leichtes Grinsen zeigt sich auf ihrem Gesicht „Dann bin ich sofort bereit für einen Rundgang“ und schon erhebt sie sich schwungvoll, zieht ihren Mantel aus, lässt ihn achtlos auf die Bank fallen und steht nun abwartend vor ihm. „Aber nur kurz, ich will dich wirklich nicht länger als nötig aufhalten“.
Ich musste unwillkürlich Grinsen als ich die kecke Geste sah und ihre Worte vernahm. "Nun komm, dann will ich dir mein Reich zeigen." Ich ging voraus und zeigte ihr den Nebenraum, der mal mein Studierzimmer war und jetzt eher nach einer Schreinerei aussah, in der alles bunt durcheinander gewürfelt war. Wir querten den Raum und ich öffnete die Tür zu meiner Schlafkammer. Zum Glück hatte ich diese noch nicht wieder benutzt, seitdem die Kinder hier gehaust hatten und zum Glück für mich, hatte Magda alles ordentlich aufgeräumt. Über dem großem Bett war gar fein säuberlich eine große Decke gespannt. Ich zeigte ihr noch das Nebengelass, dass sich unter der Treppe nach oben befand und mir als Waschecke und als Schrank diente. Dann gingen wir zurück in den kleinen Flur und ich öffnete die kleine Küche und leuchtete hinein. Nach einem kurzen Blick hinein gingen wir nach oben und ich gewährte ihr einen Blick in meine Dachkammer, mit den beiden großen Fenstern, dem gemütlichen Kanapee und meinen Tisch auf dem sich Dokumente aller Art stapelten. Links neben dem Tisch, der unter dem Fenster zum Markt hin stand, befand sich das Notenpult, meine Guitarra und ein Schemel. An den Wänden ringsum waren Truhen verschiedenster Machart zu sehen. Nach einer Weil des Betrachtens gingen wir wieder in die gute Stube. "Nun hast mein kleines Reich gesehen. Gefällt es dir, Claire?", fragte ich und fügte noch hinzu, "Kannst mir einen Gefallen erweisen und auf das Häuschen aufpassen während der sechs Wochen, die ich mit den Mönchen unterwegs bin?"
Den Hals neugierig reckend läuft sie hinter ihm her durch seine nun gar nicht mehr so klein wirkende Hütte. Ab und an ein „aha“ und „hmm“ lässt sie hören, was soll man auch anderes sagen. Ist es aber kein Desinteresse, was aus ihr spricht, sondern ehrliche Verwunderung. Wenn sie an ihre eigene Hütte denkt, die keineswegs auch nur annähernd als wohnlich zu bezeichnen war - wie auch, hat sie bisher keine Zeit für solch Nebensächlichkeiten verschwendet- staunt sie nicht schlecht, wie er so lebt. Und ja, sie muss zugeben, dass es tatsächlich fast überall aufgeräumt war. Auch das konnte sie nicht von ihrer Hütte behaupten, doch versteckt es sich recht gut hinter der Ausrede, dass man viel zu oft auf Reisen sei um wirklich Ordnung zu halten. Und ausgerechnet bei diesem Gedanken fragt er sie, ob sie seine Hütte hüten würde. Glücklicherweise konnte er ihre Gedanken nicht lesen, sonst hätte er sich wohl lieber jemand anderen gesucht. Jemand, der weiß, wie man einen Haushalt führt, wie man die Hütte heimelig hält. Trotzdem muss sie nicht lang darüber nachdenken, immerhin hat sie das Gefühl, sie sei ihm etwas schuldig und würde es ihr wohl in dieser Umgebung auch nicht schwer fallen sich wohl zu fühlen, tut sie es ja bereits. „Wenn ich dir dadurch eine Hilfe sein kann, dann tu ich das gern“ Was er aber unter ‚hüten‘ versteht weiß sie nicht genau, nachfragen würde sie aber nicht. Sicher hat er nichts dagegen, wenn sie den ein oder anderen Tag oder Nacht hier verbringt. Dass er etwas von 6 Wochen sagt, dringt nicht wirklich bis zu ihr durch, würde ihr wohl sonst das Herz schwer. Stattdessen wendet sie sich ihm mit einem leichten Lächeln zu, räuspert sich, stand der Abschied bevor und hatte sie ihm wahrlich genug Zeit gestohlen „Vielen Dank für die Führung und den Tee. Aber nun sollte ich gehen.“ Nur kurz drückt sie ihn, wollte sie es nicht schwerer machen, als es war „Gute Reise, sollten wir uns nicht mehr sehen. Und komm wohlbehalten wieder.“ Und schon öffnet sie die Tür um hinaus zu treten. Über ihre Schulter sagt sie noch „Laß mir einfach einen Zettel da oder einen Brief, mit deinen Anweisungen.“ bevor sie sich mit schnellen Schritten entfernt. Abschiede, sollte es denn einer sein, lagen ihr noch nie.
Verdutzt schaute er noch ihr noch eine ganze Weile hinterher. Solange, bis ihm kalt wurde.
Etwas nachdenklich und vielleicht ein wenig betrübt ging er in die gute Stube zurück, deckte immer noch nachdenklich den Tisch ab. Claire hatte kaum etwas zu sich genommen. War er ihr kein guter Gastgeber gewesen? Unmerklich schüttelte er seinen Kopf. Alles war viel zu schnell gegangen. Kaum das sie da war, war sie auch schon wieder weg.
Alles brachte er in seine Küche, säuberte die Becher und räumte alles weg. Er besann sich, dass er seine Braune noch holen musste, denn gegen abend, sollte er am vereinbarten Treffpunkt sein. So holte er seine Braune und an einer langen Leine mitten in seinem Garten fest. Dem Gaul gefiel es wohl, denn sofort machte er sich über die Überreste der Wiese her.
Bit packte dann noch ein paar Sachen in seine Reisetasche und -sack, schleppte das Gepäck nach unten und verließ das Haus, weil er ein wenig Gesellschaft haben wollte.