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Zu Rothenburg am 02.02.1460

Nachdem ich mich einigermaßen in der Rathauschänke aufgewärmt hatte, trottete ich samt Hengst in Richtung Haus Nummer 90, das am südlichen Ende des Ortes lag.
Den Weg kannte ich noch und ich brauchte nicht danach zu fragen. Während des Weges glitten meine Gedanken in die Vergangenheit zurück und ich kam so ins Lächeln, dass man meinen könnte, ich sähe leibhaftige Bilder vor mir.
Nicht lange dauerte es, bis ich vor dem Tor des großen Hauses stand. Tor deshalb, weil das keine gewöhnliche Haustür war. Nun ja, Anke ist eben von einem anderen Stand.
Den Gaul band ich kurzerhand an einem Busch fest und klopfte an. Dreimal ließ ich den Klopfer heruntersausen. Ich wartete einige Momente ab und als sich scheinbar nichts rührte, zuckte ich mit den Schultern, löste den Gaul wieder und brachte ihn zur Koppel, wo selbst zu dieser Jahreszeit noch Pferde standen. Nun ja, dachte ich, Anke oder einer ihrer Bediensteten wird wohl da sein, klopfe ich halt auf dem Rückweg noch einmal.
Ich befreite den Gaul von seinem Geschirr, gab ihm einen Klaps auf die Hinterhand und dieser stürmte mit erhobenen Schwanz auf die entfernt stehende Pferdegruppe zu.
Ich schloß das Gatter zu und bewegte mich wieder auf das Haus zu. In dieser Kälte nur in Bewegung bleiben, dachte ich.

Magdalena war tief unten im Vorratskeller und vermeinte ein dumpfes Klopfen gehört zu haben. Sie hob die Schultern, was soll's, sollen sich doch die anderen drum kümmern. Wieder dröhnte der Klopfer und wieder hob sie die Schultern. Als es ein drittes Mal klopfte, wurde es ihr zu bunt. Sie ließ alles stehen und liegen und rannte hinauf zur Tür, besser zum Portal. Sie öffnete den Flügel und ein kalter Wind ergriff so sehr, dass sich ihre Haut am ganzen Körper spürbar zusammen zog. Sie lugte hinaus und sah, wie ein vermummter Kerl langsam von der Koppel herkommend auf das Haus zuhielt.
Sie schüttelte ihr blondes Haar. War das nicht …. die Silhouette kam ihr bekannt vor. Ist das nicht jener Mann, den ihre Herrin so mochte?
Mit einem Mal spürte sie keine Kälte mehr. Sie winkte und rief: „Herr Bit seid ihr es? Kommt nur schnell her.“
Ihr fröstelte, selbst das wollene Tuch, dass sie sich hastig über die Schultern geworfen hatte, hielt den Frost nicht ab.

Ich hörte einen hellen Sopran, blickte in Richtung Portal und sah ein zierliches, blondes Mädel in der großen Tür winken. Mit einem Schlag, kehrte die Erinnerung an jenen Frühling zurück als ich in eben einen solchen Moment vor dieser Tür stand. Ein Lächeln fuhr mir ins Gesicht. Das Mädel von damals wurde allmählich zur Frau.
Ich winkte ihr zu und eilte mich, der Kälte zu entkommen.
Als ich vor ihr stand und in ihre blauen Augen blickte sagte ich: „Hallo, Magdalena, schönes Fräulein, freue mich, dich gesund und munter zu sehen.“


Magdalena fuhr die Röte ins Gesicht. Allerdings war es nicht zu erkennen, ob es die Kälte oder ihre Verlegenheit war, die sie rot werden ließ. Nahezu sprunghaft sagte sie fast stotternd: „Herzlich willkommen im Hause derer von …...“, wie es ihre Herrin gelehrt hatte.
Vor Aufregung überhastet sagte sie: „Die Herrin ist bei einer Schneiderin aber sie wird bald zurückkommen. Kommt bitte, in der Küche ist es warm und wenn ihr Hunger habt, dann bereite ich euch gerne ein Mahl.“ Leise murmelnd fluchte sie beinahe: „Weiß der Himmel, wo die beiden anderen stecken. Möchte zu gerne wissen, was die treiben.“

Ich folgte ihr, hörte ihrem leisen Murmeln zu, was ich aber nicht so ganz verstand. Die sehr kühle Empfangshalle war schnell durchschritten und wir betraten die geräumige Küche, die wohlig warm war. Ich entledigte mich meines Umhangs und hockte mich an den Tisch, der sich in der Mitte des Raumes befand.
In diesem kurzen Augenblick warf ich, so ich meinte ungehindert und unbeobachtet, einen prüfenden Blick auf Magdalena.
Längst war sie nicht mehr die junge, linkische, schlaksige Zofe, sondern sie verwandelte sich allmählich zu einer besonders hübschen Frau.

Magdalena spürte, wie es nur Frauen oder Mädels spüren können, wie ein Blick an ihr haftete. Verlegen und um die Situation nicht entgleisen zu lassen sagte sie mit betont beflissener Stimme: „Habt ihr Hunger? Was darf ich euch bereiten?“, dabei stemmte sie beide Fäuste in ihre Hüften.


Ich bemerkte diese Geste mit Genugtuung. War es doch eine souveräne, mich zurecht weisende Geste. Ich schmunzelte und brummte wie ein Bär: „Kannst mir meine Lieblingsspeise machen? Zwei Spiegeleier mit Speck und leckerem Schwarzbrot? Dazu etwas Hagebuttentee?“

Magdalena stieß ein helles, fröhliches Lachen hervor: „Nichts leichter als das. Habt ein wenig Geduld und dann könnt ihr es euch schmecken lassen.“ Sie hantierte mit zwei Pfannen, schlug in die eine die Eier hinein und in der anderen ließ sie den Speck bruzeln.
Auf der dritten Flamme brühte sie den Tee auf und während alles vor sich hin köchelte deckte sie den Tisch aber nicht nur für ihn, sondern auch für sich. Appetit hatte sie gepackt und sie wollte so einiges von diesem, ihr seltsam vorkommenden Herrn, erfahren.
Und was ist dazu nicht besser als ein gemeinsames Essen, dachte sie.
Sie schnitt das Brot und fragte beiläufig: „In der Kammer gibt es noch Blaubeermarmelade, die ich selber eingemacht habe. Wäre das ein Nachtisch?“
Sie bemerkte, dass Bit mittlerweile aufgetaut war und, sah, wie seine Augen ihren Hantierungen verfolgten. „Ja Magdalena, nur allzu gerne würde ich von deiner Marmelade kosten“, hörte sie ihn sagen.
Magdalena servierte beiden die Mahlzeit und setzte sich zu ihm an den Tisch. Ihre blauen Augen schauten ihn unverwandt an und zwischen ihren Bissen fragte sie: „Bitte, Herr Bit erzählt mir von euch, von euren Reisen und Abenteuern. Die Herrin, die euch sehr gerne hat, hat immer gesagt, Der Herr Bit ist immer soviel unterwegs, dass er kaum Zeit findet, sich um sich selbst zu kümmern.“
….
Mir wäre fast der Bissen im Halse stecken geblieben als ich die unbeschwerten Worte aus Magdas Mund vernahm. Wie sagt der Volksmund doch so schön: „Kindermund tut Wahrheit kund.“
Nur einen kurzen Moment war ich wie entgeistert und erwiderte: „Ich glaube kleines Fräulein, du hast ein kluge Herrin, die ich sehr schätze und verehre. Ich mag sie auch sehr, aber das Schicksal war gegen uns. Sie ist vom Stande, ich nicht.“
Mit offenem Mund hörte sie mir zu. Vielleicht war es mein Tonfall, der ihr anscheinend das Gefühl vermittelte eine vollwertige Person zu sein.
Es war so heimelig, dort an dem Tisch, dass ich ins Plaudern geriet und ihr von meinen weiten Reisen und den Abenteuern erzählte. Besonders als ich ihr von zwei dummen Räubern erzählte, die ich an den Ohren zum Büttel geschleppt habe, hörte ich ein staunendes A und O.
Es dämmerte bereits als wir mit dem Essen aufhörten und ich etwas abgekämpft und müde von dem langen Tag, sie nach der Gästekammer fragte.
Sie geleitete mich zu der Kammer, der es an nichts Nötigem fehlte. Ich verabschiedete sie und schmiss mich auf das gemütliche Bett.
Kurz darauf war ich auch schon eingenickt.