Helene
"Am Marktplatz 83, Am Marktplatz 83" immer wieder murmelte ich die Worte, um nicht zu vergessen, wohin ich muss.
Die Schritte auf den Weg konzentriert, freute ich mich heute ins Wirtshaus gegangen zu sein. Man erfährt doch einiges. Auch über freie Stellen wusste immer jemand was. Ich musste lächeln als ich daran dachte. War es doch immer die gleiche Person die helfen konnte. Bald würde ich ganz allein im Leben stehen können. Dann wüsste ich, wie das Leben hier läuft.
Suchend sehe ich mich um. Nun war ich in Gedanken doch zu weit gegangen. Einige Schritte zurück und ich stand vor der Adresse.
"Am Marktplatz 83" sagte ich noch mal wie zur Bestätigung.
Im Wirtshaus war Bit immer nett gewesen. In Gedanken sagte ich immer Bit zu ihm.
Kaum auf dem Grundstück sah ich auch wie er vor dem Haus saß.
"Guten Tag" sagte ich höflich und lächelte ihn an. "Nali sagte, ihr könntet Hilfe brauchen."
Wartend stehe ich vor ihm und hoffe er würde mich nicht gleich weg schicken.
Unbeabsichtigt wich ich zurück als ich sah wie er aufschreckte. Das hatte ich nicht gewollt, so friedlich schien das Bild vorher und ich hatte diesen Frieden gebrochen.
Ich schreckte etwas hoch als ich mehr im Unterbewussten als im Wachzustand eine Frauenstimme vernahm.
Ich schlug die Augen auf und sah, nur wenige Schritte von mir entfernt, die freundliche Helene stehen.
Während ich noch meine Gedanken sortierte und ein nettes Guten Tag über die Lippen brachte, verstand ich den Wortsinn, dessen was sie sagte.
Leicht lächelnd sagte ich zu ihr: "Oh, das freut mich sehr, dass ihr vorbeischaut. Nali hat gesagt" mehr zu mir selber als zu ihr, "ich würde Hilfe brauchen?"
Ich hatte mich erhoben, blickte sie an und grübelte ein wenig. Ich merkte, wie sich mein Gesicht aufhellte.
"Ach ja," sagte ich, "jetzt fällt es mir wieder ein. Ich könnt eine Haushälterin gebrauchen, ", platzte ich heraus, "vielleicht einmal die Woche, um meinen Haushalt auf vordermann zu halten. Danke, dass ihr nachfragt. Wollt ihr nicht, wenn auch nur für einen Moment, mein Gast sein? Tee habe ich noch etwas im Hause."
Sie freundlich und aufmunternd anblickend, ging ich einen Schritt auf sie zu.
Zuerst nickte ich noch als er nachfragte, wer mich schickte und warum, somit den Grund darlegte, warum ich kam. Doch seine Mine spiegelte Gedanken wieder, die nicht an ein Wiedererkennen der Worte denken ließen. Leicht unbehaglich wich ich einen Schritt zurück. Sollte es nicht stimmen, dass er jemanden brauchte? Wie peinlich, ihn wegen dieser Banalität in seiner Ruhe zu stören.
Sein erkennendes Lächeln ließ mich hoffen. Es war also doch wahr, er suchte eine Haushälterin.
"Werter Bit, gerne helfe ich euch euren Haushalt in Ordnung zu halten. Ihr scheint es sehr gut selber zu schaffen, wenn ihr nur einmal die Woche Hilfe benötigt."
Meine Augen leuchteten fröhlich als er mich zu einem Tee einlud. Auch als er einen Schritt auf mich zuging, verspürte ich kein Unbehagen, denn ich hatte Bit als einen netten und höflichen Mann kennengelernt.
"Sehr gerne nehme ich einen Tee. Dabei können wir besprechen bei was ich euch zur Hand gehen soll."
Das ich neugierig auf sein Heim war, musste ich nicht gleich verraten. Wie lebte dieser Mann und was genau machte eine Haushälterin?
Ich blickte sie kurz an, und zugegeben, ich bin wie jeder Mann, streifte mein Blick von oben nach unten an ihrer Gestalt herunter und wieder zurück. Das war eher ein unwillkürlicher Reflex als ein bewusster Vorgang.
Sie war etwas kleiner als ich, vielleicht einen halben Kopf. Sie hatte fast pechschwarzes, bis auf die Schulter fallendes, leicht welliges, langes Haar. Sie trug eine, für diese Jahreszeit angepasste, warme, leicht blaue Bluse. Um die Schultern war ein weißes Stricktuch gelegt, dessen Enden über ihre Brust zu einem hübschen Kneuel verknotet waren. Ein bis auf die Füße reichender langer, schwarzer Rock, fiel ihr über die Hüften.
Ein erfreulicher Anblick, dachte ich, zumal ich sie zum ersten Mal im hellen Sonnenlicht sehen konnte. Ihr Alter schätzte ich auf ein paar Jahre weniger als meines. An ihr vorbeigehend, auf die Tür zu, fiel mir meine Stube ein. Hoffentlich hast nicht allzu viel an Unordnung dort hinterlassen, jagte es mir durch den Kopf. Aber nun war es zu spät eine Kehrtwendung zu machen. Die Einladung war mir ohne großartiges Nachdenken herausgesprudelt.
Ich öffnete die Tür mit einer einladenden Geste nach innen. „Bitte folgt mir.“ Hörte ich mich sagen.
Verlegen und doch geschmeichelt bemerkte ich, wie Bit mich musterte. Es schien mir aber nicht wie sonst bei den Männern, sondern eher wie dazugehörig. Wenn ich seinen Haushalt führen sollte, so wollte er sicher wissen, wer sich ihm vorstellte.
Kurz überlegte ich ob der Rock sauber war. Hatte ich den Fleck bei der letzten Wäsche aus der Bluse heraus bekommen? Die Augen gesenkt betete ich, dass dem so war.
Erst als er vor mir in das Haus ging traute ich mich ihn auch zu betrachten. Gut sah er aus und kräftig war er.
Das erste Mal im Leben sah ich ein Haus, dass ein einzelner Mann bewohnte. Viel erwartete ich nicht und schon gar keine Ordnung. Warum sonst sollte er eine Haushälterin benötigen.
"Sehr freundlich von euch. Sagt kann ich euch helfen? Tee kochen kann ich gut."
Schon gleich nach der Türe sah ich mich ungeniert um. Hier würde ich also arbeiten dürfen. Wenn er mich lassen würde.
Im Haus, in dem kleinen Flur stehend, bedauerte ich gleich ihn draußen nicht genauer betrachtet zu haben. Hier drinnen fehlte wieder die Sonne um die kleinen Besonderheiten zu sehen.
Im Flur stehend, bemerkte ich, dass der eigentlich recht düster wirkte und das, obwohl ich ein Bild von meinen Reisen, links neben das kleine Flurfenster, welches links von der Tür war, angebracht hatte. Wie ich das geschafft hatte, weiß der Himmel. Ich sah noch, wie ihre Augen sich flink umschauten als mir einfiel, du lieber Himmel, hast ja vergessen, den Vorhang beiseite zu schieben, der das Fensterchen bedeckte. Ich schob ihn beiseite, öffnete das Fenster, Licht fiel herein und das Treiben auf dem Marktplatz war zu sehen.
Unvermindert drangen auch die Geräusche vom Markt herein.
Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah ich mit Schrecken, den Waschsack, der sich faul an der Stiege zum Dachboden lehnte. Du meine Güte, ging es mir durch Kopf, den hast ja tagelang übersehen. Ich bemerkte wie mir peinliche Röte ins Gesicht schoss.
Verlegen murmelte ich: „Das glaube ich euch gerne, werte Helene, dass ihr einen vorzüglichen Tee kochen könnt. Aber bitte, ihr seid mein Gast und ich möchte euch bewirten.“
Ich deutete auf die Stubentür, die sich, so wie wir standen, am linken Ende der kleinen Diele befand. „Geht nur dort hinein. Macht es euch am Tische auf der Eckbank gemütlich. Ich bereite derweil den Tee zu.“
Wieder erschrak ich erkennbar und hoffte insgeheim, dass die Unordnung - die Eckbank war über und über mit Decken und Kissen bedeckt. Der große Tisch überfüllt mit allerlei Krimskrams und meinem morgendlichen Besteck. Die Schublade vom Eckschrank stand offen, weil ich was gesucht und nicht, noch nicht, gefunden hatte. Ach der Notenständer ächzte unter seiner Last – nicht so auffallen würde, sondern eher ein harmonisches und gemütliches Bild wiedergab.
Allerdings war es hell dort, denn das Stubenfenster stand offen.
Als hätte er gewusst, was ich denke, öffnete er die Vorhänge. Ich sollte mehr Diskretion an den Tag legen. Als ich hinaussehen konnte, verstand ich die Wahl des Hauses. Hier war man mitten im Leben und doch für sich selber. Sehr schön gelegen.
Den großen Sack, das kleine Durcheinander übersehend musste ich lachen als er sagte, er wolle mich bewirten. Nur zu gerne nahm ich sein Angebot an zu warten.
Die Eckback war gemütlich, hätte ich mich draufsetzen können. Als erstes faltete ich die Decken und legte sie fein säuberlich in die Ecke der Bank. Die Kissen stellte ich so, dass man eines im Rücken hatte wenn man es wollte und den Rest legte ich auf die Decken. Nun konnte ich mich zumindest setzen. Ein kleiner Rundumblick sagte mir, dass Bit es zwar nicht sonderlich mit der Ordnung hatte, aber er liebte es gemütlich. Und dies war seine Gemütlichkeit.
Niemals würde ich an seine Papiere gehen. Dabei schaute es so aus, als würde der Ständer gleich zusammenfallen. Geschickt ging ich so daran vorbei, das ich ihn nicht berührte.
Schöne Stoffe hatte er an den Fenster, aber diese mussten mal wieder gewaschen werden. Das nahm ich mir als erstes vor, an einem schönen Tag würden sie in den Trog wandern. Aber konnte ich sie so aufhängen? Das Problem würde ich später lösen.
Mit geübten Fingern sortierte ich sein Besteck und ging genau dahin wo ich ihn verschwinden hatte sehen. In die Küche.
"Ich nehme an ihr habt euer Morgenmahl beendet. Wohin darf ich euch das Besteck legen?"
Wieder schaute ich mich um und teilte ihm gleich mit, dass seine Fensterstoffe im Sommer das Wasser sehen würden.
Die Küchentür stand offen. Ich kehrte ihr meinen Rücken zu und bemerkte Helene als sie mich mit ihrem Mezzosopran leise ansprach. Ich erschrak, denn ich bin es nicht gewohnt, dass außer mir jemand anderes im Hause ist. Schnellte herum und streifte dabei einen hölzernen Becher vom Tisch. Gott sei Dank war der leer. Und kullerte sich in die gegenüberliegende Ecke vom Tisch. Etwas rot werdend sagte ich: „Ach das? Das gehört eigentlich in den Eckschrank in der Stube aber da hat sich mittlerweile soviel Krimskrams drin angesammelt, dass ich die Sachen bequemer weise einfach auf dem Stubentisch liegen lasse und sie dann, wenn ich sie brauche, säubere und wieder dort liegen lass. Aber da die nun mal hier sind,“, ich öffnete die Tür zum Vorratsraum, der eher ein Schrank als ein Raum war und wies auf Regale, wo sich auch anderes Geschirr befand, dass nur geringe Gebrauchsspuren aufwies, „können die Sachen auch da hinein gelegt werden.“
Während ich das sagte, stellte ich das Tablett mit der Kanne Tee und zwei Bechern zusammen.
„Legt das Besteck ruhig hier auf den Tisch und lasst uns in die gute Stube gehen, Dann erkläre ich euch, wie ich mir das so vorstelle.“
Selbstsicher und gelassen war ich wieder und blickte sie freundlich an, nickte ihr zu und ging voraus in die gute. Hinter mir hörte ich trippelnde Schritte auf dem unbedeckten Dielenboden. Wir setzen uns Gegenüber, wechselten ein paar Worte und redeten über mein Anliegen.
Und schon hatte ich den ersten Fehler gemacht. Da würden sicher noch einige folgen. Aufmerksam hörte ich zu und beobachtete ihn beim Zubereiten des Tees.
"Was stellt ihr euch denn vor? Einmal die Woche, da könnte ich das Haus putzen, für Ordnung sorgen, den Vorratseinkauf machen, eure Wäsche versorgen und was noch so alles anfällt."
Wie er gesagt hatte, gehe ich in die Stube und schaue mich um. Als erstes werde ich die Vorhänge waschen, das nahm ich mir ganz fest vor. Sicher waren sie sehr schön gewesen als sie frisch aufgehängt worden sind und wären es noch heute gewesen, hätten sie auch nur einmal das Wasser gesehen.
"Danke für den Tee. Er ist wirklich gut. Woher bekommt ihr ihn?"
Nach einigen Höflichkeiten kamen wir auch zu dem Kern des Besuchs. Genau hörte ich zu und machte mir Notizen zu seinen Vorstellungen und Anweisungen. Damit dieses Dienstverhältnis sauber laufen würde, bräuchten wir beide wohl unsere Zeit.
Die Zeit verging recht schnell und so verabschiedete ich mich. Einiges war noch zu bedenken und zu organisieren. Aber ich hatte die Stelle und mit einem offenen Lächeln verabschiedete ich mich von meinem neuen Auftraggeber.
Bald schon würde ich hier anfangen.
Die letzten Handgriffe und ich hatte den Handkarren beladen. Rumpelnd und scheppernd hopste der Karren hinter mir her. Ansbach war ein Dorf mit vielen freundlichen Einwohnern und bei allem was ich brauchte, hatte man mir geholfen. Der Weg vom Huesy zu Bits Haus war nicht weit, aber ich hatte mich alle paar Schritte nach der Schrubbürste bücken müssen. Nun wurde diese energisch in die Rocktasche gestopft.
Für mein Vorhaben wählte ich praktische Kleidung. Eine schlichte und schon etwas abgegriffene helle Bluse und einen dunkelbraunen Rock. Dazu einen festen Gürtel und ein Tuch, das über die Haare gebunden wurde, damit sie nicht mehr verstaubten als nötig war.
Am Marktplatz 83 angekommen hielt ich direkt vor dem Haus an. Polternd fiel der Eimer vom Karren und machte sich selbstständig. Ich lief hinter ihm her und konnte ihn gerade noch abfangen, bevor er auf die Straße rollte. 'Wenn das so weiter ging konnte es heiter werden', dachte ich bei mir und versuchte die Tür zu öffnen. Leider war sie verschlossen. Herr Bit hatte doch gesagt, ich könne hier während seines Klosteraufenthalts meine Tätigkeit verrichten. Wie sollte ich das machen, wenn hier verschlossen war? Nachdenklich tippte ich mit dem Zeigefinger gegen den Nasenrücken. Eine schreckliche Angewohnheit von mir, wenn ich nachdachte. Jubelnd fielen mir die Worte wieder ein und ich suchte nach dem Klotz. Er hatte gesagt unter dem Klotz wäre noch ein Schlüssel. Freudig hob ich den besagten Klotz an und wirklich lag dort ein Schlüssel.
Aufgeschlossen und die Türe geöffnet, ging ich zunächst durch das ganze Haus und öffnete alle Fenster. Nur die im letzten Raum nicht, das war das Schlafzimmer von Herrn Bit. Noch hatte ich Bedenken dieses zu betreten, auch wenn mir bewusst war, dass ich es betreten musste. Wie sonst würde ich es putzen können.
'Nett war es hier', dachte ich bei mir als ich den großen Kessel reintrug und ihn auf den Herd stellte. Die Ärmel hochgekrempelnd wurde ein Feuer im Herd entfacht. Einige Holzscheite und den Zunder hatte ich selber mitgebracht. Dies hatten wir nicht geklärt und ehe ich die Sachen von Herrn Bit nahm, würde ich lieber fragen. Nun kam der eigenwillige Eimer zum Einsatz. Immer wieder ging ich vom Brunnen zum großen Kessel und füllte ihn. Ein kleinerer Kessel wurde gefüllt und neben den großen gestellt.
Mein neuer Besen wurde vom Karren geholt und ich ging durch die Zimmer, bis ich vor dem hintersten war. Ich hielt die Augen fest geschlossen als ich die Tür öffnete und in den Raum ging. Ein Fehler wie ich feststellen musste, denn ich lief gegen das Bett und mein Bein rammte zielsicher die Bettkante. Mir das Schienbein haltend, setzte ich mich gleich darauf und war froh, dass mich hier keiner sehen konnte. Einen schönen blauen Fleck würde das geben. Seufzend erhob ich mich, um meine Arbeit zu verrichten. Der Rock wurde hoch in den Gürtel gesteckt. Hier drinnen konnte mich keiner sehen und bis zu den Knien war ich wirklich anständig bedeckt.
Die Vorhänge fielen in meinen Blick und ich beschloss diese als erstes runter zu nehmen. Flink holte ich die kleine Leiter und stieg in der Schlafkammer zu den Fenstern empor. Wie waren die nur befestigt. Genau betrachtete ich mir die Befestigungsart und holte dann die Vorhänge von ihrem Platz. Erst im Schlafzimmer, dann in den anderen Räumen. Draußen hatte ich schon meinen kleinen Waschzuber aufgestellt und dort kamen die Vorhänge für das erste rein.
Zurück in der Schlafkammer holte ich mit dem Besen aus und kehrte energisch aus. Von dort ging es weiter in die Schreibstube, in der ich mich zurückhielt. Hier lag so viel rum, dass ich nicht viel Staub aufwirbeln wollte. Niemals würde ich ihn hier von den Sachen entfernen können. Gerne hätte ich einen Blick auf die Seiten geworfen, die dort überall lagen. Doch das Vertrauen des Herrn Bit mich überhaupt allein in dieses Haus zu lassen, verbot mir neugierig zu sein. Die Stube durch und noch von der Küche aus in der Diele alles zusammengekehrt. Mit einer Kehrschaufel raffte ich den Bodendreck zusammen und trug ihn hinaus.
Zum Glück war das Wasser im großen Kessel schon heiß. Vorsichtig wurde das Wasser zu den Vorhängen gegeben und einige Seifenflocken geschabt und in das Wasser gerührt. Mit dem großen Waschpaddel drehte ich die Vorhänge in der Lauge und war dankbar für das gute Wetter. Drinnen im kleinen Häuschen zu waschen hätte mir einen sehr heißen Raum beschert, den ich wohl für mehrere Tage so beheizt hätte.
Die Wäsche ziehen lassend bewaffnete ich mit Lappen und einem Bündel Federn. Wieder fing ich im hinteren Teil des Hauses an. In der Schlafkammer gab es nicht viel. Einen Schrank den ich abstaubte, einen kleinen Tisch, einen Stuhl und das Bett. Ich trug den Lappen und die Federn in die Schreibstube und holte den Korb, in dem ich frisches Bettzeug hatte. Mit geübten Handgriffen hatte die Matte einen neuen Überwurf und die Decke ebenso wie das Kissen, waren schnell frisch bezogen. Mit einem Handstreich zog ich das Kopfkissen noch einmal glatt. Hier würde in der Nacht sein Kopf ruhen. 'Helene an sowas denkt man nicht' schallte ich mich und ging in die Schreibstube.
Hier war ich vor einem Problem, was sollte ich nur machen? So viel Papier und Bilder und was das alles war. Den Lappen steckte ich an den Gürtel und staubte nur mit dem Federbündel ab. Seine Unterlagen fasste ich nicht an. Jeder Mensch hatte seine Ordnung, auch wenn ich diese nicht genau verstehen konnte. Ob dies wohl seine Schrift war? Zu gerne hätte ich doch gewusst was ihn beschäftigt, aber ich riss mich zusammen und würde Herrn Bit lieber später einmal fragen. Solch eine Anstellung setzt Vertrauen voraus und das wollte ich nicht missbrauchen.
Die Stube war schnell gereinigt. Hier konnte ich mit dem Lappen hantieren und es war sauber. Der Notenständer stand immer noch da und krümmte sich unter der Last. Hier traute ich mich nicht mal mit dem Federbündel ran. Sicherlich wäre alles umgekippt.
In der Küche schrubbte und wienerte ich alles, bis auf den heißen Herd.
Nun kam der Teil, der mir immer am meisten Spaß machte. Das heiße Wasser aus dem kleinen Kessel mit etwas kühlem aus dem Brunnen gemischt machte ich mich ans Werk. Wieder fing ich hinten an und schrubbte mit der Bürste den Boden. Ein Liedchen vor mich hin singend, war das eine sehr entspannende Tätigkeit. Kurz vor der Türe fiel mir noch was ein. Ich lief zum Karren und holte ein Tongefäß und die frisch geschnittenen Blumen. Diese stellte ich auf das kleine Tischchen beim Bett. Er sollte es doch nett haben nach dem langen kargen Klosteraufenthalt. Auch die Schreibstube wurde geschrubbt und so ging es weiter bis in die Stube.
Ein kleiner Moment in dem ich unachtsam war, brachte das Unheil mit sich. Mein Hinterteil stieß gegen den Notenständer, der sich erleichtert zur Seite neigte. Endlich musste er nicht mehr die ganze Last tragen. Mit einem lauten scheppern lag alles am Boden. Betreten blickte ich auf die Misere und überlegte was zu tun war. Zunächst räumte ich den Stubentisch auf und so behutsam als möglich nahm ich die Papiere und legte sie darauf. Sicher würde Herr Bit böse sein, aber mehr konnte ich nicht machen. Eine Ordnung dafür zu finden wäre mir unmöglich.
Betreten und gar kein fröhliches Lied mehr auf den Lippen schrubbte ich noch die Küche und die Diele. Auch die Stiege hinauf. Aber dort oben tat ich heute nichts. Was dort war wusste ich nicht und jeder hatte ein Recht, auch wenn er eine Haushälterin hatte, auf Privatsphäre.
Die Sonne von oben genießend wusch ich die Vorhänge aus. Gründlichst wurden sie ausgedrückt und wieder vor die Fenster gehangen. Fast immer hörte ich das Markttreiben und konnte die Leute am Haus entlang gehen sehen. Hin und wieder grüßte ich. Einige Menschen kannte ich hier schon.
Ich sah mich um und merkte, dass es schon recht spät war. Für heute musste das reichen.
Der Herd wurde gelöscht und gesäubert. Gleich schichtete ich neues Holz und Zunder, damit Herr Bit nach seiner langen Abwesenheit nicht gleich arbeiten musste.
Noch einmal ging ich zum Handkarren um etwas zu holen. Ein Schinken fand den Weg an den Haken, die Eier kamen auf die Anrichte und ein frisches Brot legte ich appetitlich auf das Brett. Die Kessel nahm ich mit raus und verstaute sie.
Viel hatte ich nicht machen können. Aber es reichte für das erste.
Lächelnd schloss ich ab und legte den Schlüssel wieder unter den Klotz. Rumpelnd und pumpelnd fuhr ich mit dem Handwagen zurück in mein kleines Domizil.
Es war schon ein seltsamer Tag als ich nach der langen Pilgerfahrt ermüdet zwar, noch voller schöner Erinnerungen, vor meinem kleinen Häuschen anlangte.
Putzig sah es aus und ich merkte, wie sich ein Lächeln ins Gesicht schlich und mir ein liebevolles „Hallo Mädel“ über die Lippen kam. Ich nannte manch Ding, das mir ans Herz gewachsen war, mein Mädel. Ich kramte nach dem Schlüssel, den ich ganz zuunterst in meiner Umhängetasche zu greifen bekam.
Ich schloss die Tür auf, öffnete sie und betrat die kleine Diele. Achtlos, wie immer, warf ich Tasche und meinen geschulterten Seesack in die Ecke vor die Stiege. Sodann hockte ich auf selbige und befreite mich von den Stiefel, in denen meine Füße steckten. Ein etwa strenger Geruch stieg mir in die Nase und die Strümpfe, die die Übeltäter waren, stopfte ich unachtsam in die Stiefel.
Erst jetzt bemerkte ich einen Geruch, der mir schon beim Betreten der Diele, nicht ganz bewusst, aufgefallen war, den ich aber irgendwie ignoriert hatte. Wie immer, wenn ich von einer längeren Reise heimkehrte, öffnete ich das Dielenfenster, um Licht in die Diele zu lassen. Der Duft wurde intensiver, Kann es sein, fragte ich mich, sind das meine Gardinen? Ich betrachte sie genauer, drückte meine Nase an den Stoff. Ja, vom Aussehen her waren es meine Gardinen, nicht aber vom Geruch.
„Helene“, entfuhr es mir, Helene muss hier gewesen sein und sich um mein Häuschen gekümmert haben. Wieder merkte ich, wie sich meine Mundwinkel schmunzelnd nach oben bewegten.
Meine Neugier war geweckt. Jetzt wollte ich auch die anderen Räume inspizieren.
Ich betrat also meine gute Stube. War es hier heller als sonst oder bildete ich mir das nur ein?
Beiläufig bemerkten meine Fußsohlen, dass sie von keinem Sandkorn oder sonstigen, Fußsohlen belästigenden Unrat, gepiesackt wurden. Ich fiel auf die Knie beugte mich über die Dielen und meine Nase nahm erneut einen frischen Duft auf.
Ich richtete mich auf und blickte nun, gespannt auf die nächste Überraschung, in class="stube umher. Eigentlich sah sie ja wie immer aus, dennoch war sie irgendwie anders. Das der Notenständer von seiner Last befreit war, kam mir nicht sonderlich in den Sinn. Aber das meine Notizen, Skizzen, Notenschriften, Briefe und sonstiger Krimskrams sorgfältig auf dem Tisch angeordnet waren und Kissen und Decken säuberlich die Eckbank bedeckten, langte mir doch ein Kopfnicken ab.
Jetzt war ich neugierig, welch Überraschung, mir in den angrenzenden Räumen bevor stand.
Innerlich grinste ich, als ich sah, dass sich Helene wohl nicht in der Schreibstube ans aufräumen gewagt hatte. Dabei hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn dieses Chaos in seine Schranken gewiesen worden wäre. Nun betrat ich die Schlafkammer. Mir entglitt ein leiser Pfiff. Voller Hochachtung sah ich mich um, entdeckte die Vase mit den Blumen und war von dem begeistert, was mir als Empfang entgegen kam.
Gut gelaunt, lief ich auf nackten Sohlen in die Küche. Nachdem ich Licht gemacht hatte und mich auch hier umsah, war mein Erstaunen noch größer als vorher in den anderen Räumen.
Ein Schinken duftete mir Appetit machend entgegen, Eier verlangten nach einer Pfanne und frisches Brot danach, gebrochen zu werden.
Schnell war ein Feuer entfacht, die Pfanne übers Feuer gestellt und Speck und Eier brutzelten alsbald darin. Ich ließ es mir schmecken und dachte lange darüber nach, wie ich Helene meine Dankbarkeit zeigen und meine Zufriedenheit mit ihr äußern könnte.
Nach dieser köstlichen Mahlzeit tapste ich in die Stube zum Eckschrank, öffnete die Lade und kramte in den Bestecken, verschiedenen Schlüsseln, Gänsekielen und was sich sonst noch darin befand umher. Dann endlich hatte ich den Schlüssel, der ins Schloss der Tür am oberen Ende der Stiege passte.
Zufrieden stieg ich hinauf, schloss die Falltür auf, drückte sie nach oben und betrat mein Refugium. Alles war so, wie ich es verlassen hatte.
Weil ich müde war, überlegte ich, wo ich am besten ein Nickerchen machen könnte und entschloss mich, es mit dem frisch gemachten Bett in der Schlafkammer zu versuchen.